Die neue Heimatlosigkeit

Heimat ist ein Gefühl.

Heimat ist das Gefühl, das sich einstellt, wenn ich mich in einer mir vertrauten Umgebung bewege, selbstverständlich und ohne große Anstrengungen.

Umgebungen können sein: Eine vertraute Beziehung oder Gemeinschaft/Eine Sprache, in der ich aufgewachsen bin, mit der sich meine Gefühle und Gedanken formten/Eine Tätigkeit, mit der ich mich auskenne/Eine Weltanschauung, mit Hilfe derer ich mich in der Welt orientiere/Ein Ort, wo meine Wurzeln liegen/Ein bestimmter Lebensstil.

Heimat sei, sagt der Psychoanalytiker D.W. Winnicot, „where we are coming from“. Der  jüdisch-deutsche, aus Ungarn stammende Theatermacher  George Tabori antwortete auf die Frage, was denn seine Heimat sei „ein Bett und ein Buch“, das genüge ihm.

Bereicherung und Verlust

Einwanderung bereichere ein Land, wird oft gesagt. Das stimmt. Aber die Situation der Einwanderung bringt auch Verluste mit sich (Paul Scheffer, Die Eingewanderten). Das gilt natürlich vor allem für diejenigen, die auf der Flucht vor Elend, Unterdrückung, Krieg und Folter ihr Heimatgefühl verlieren. Aber auch diejenigen, die schon länger da sind, können Verluste empfinden. Verlust an Vertrautheit, Gewohntem, an Sicherheit.

Heimatlos in der Heimat

In der Regel nistet bereits ein latenter Verlust an Heimatgefühl an den Orten der Zuwanderung, bevor überhaupt Einwanderer ins Land kommen. Die Globalisierung zersetzt das Heimatgefühl der Alteingesessenen,  vor allem das der unteren, „bodenständigen“ (ortsgebundenen) Mittelschichten. Und zwar dort, wo sie es selbst am wenigsten erwarten – in ihrer Heimat. Eben dort, wo sie sich zu Hause und beheimatet fühlen, verlieren sie ihr gewohntes Ambiente, ziehen die jungen Leute weg, macht der Bäcker, die Kneipe, die Schule dicht, bietet das Bistro kein Menü, nur mehr Pizza an, verdorrt der Weinberg, kommt der Supermarkt. In der Heimat, vor allem in der Provinz, verlieren Menschen ihre Arbeit, ihre Existenzgrundlage, ihre Hoffnungen, ihr Vertrauen in die fernen Zentralen, ihre Identität, ihr Selbstwertgefühl. (Verkauft von Investoren, verraten von Bürokratien lange bevor fremde Gerüche und Lebensstile in die Nachbarschaft ziehen).

Hotspots des fremdenfeindlichen Populismus 

Mit dem Auftauchen von Einwanderern und Fremdheit, und sei es auch nur in der Phantasie, drängen die verdrängten Affekte, die mit den eigenen Verlusten an Heimatgefühlen einhergehen, an die Oberfläche. Lange unterdrückter Ärger, frei schweifende Ängste, nicht gelebte Enttäuschungen, zurückgehaltene Aggressionen, die ganze Wut auf die Verhältnisse, auf die man keinen Einfluss hat, weil die da Oben sowieso nicht zuhören und tun was sie wollen, der Brass auf die Verantwortlichen, die sich verpissen, alles schönreden oder anonym, jedenfalls fern bleiben, entlädt sich nun. Auf das „Fremde“ und gegenüber allem, was fremd erscheint.

Der Verlust an Heimatgefühlen liefert den emotionalen Stoff, aus dem die rechten Populisten ihre dunklen Gespinste formen – Fremdenfeindlichkeit und Ressentiments gegenüber „dem System“.

Die Hotspots des fremdenfeindlichen Populismus finden sich überall dort, wo Menschen schon vorher einen Verlust ihres Heimatgefühls erleiden mussten.

Das gilt heute für viele Regionen Amerikas (George Packer, Die Abwicklung) ebenso wie für Orte in der französischen Provinz, Regionen in Afrika, Asien oder Australien. Es gilt für Pforzheim ebenso wie für die Vorstädte von Paris, Lion oder Marseille, Orte im Ruhrgebiet, in Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen-Anhalt.

Eine globale Landkarte des Populismus brächte den Zusammenhang mit Leichtigkeit an den Tag.

Die Wiederkehr des Verdrängten

Besonders deutlich  wird dieser Zusammenhang in den „neuen Bundesländern“, in den Regionen der ehemaligen DDR. Mit der Wende verloren dort viele Menschen ihre Sicherheiten, ihre Identität, ihre Geschichte (ihre Erinnerungen) – kurz, einen Teil ihrer Beheimatungsgefühle. Getrauert werden konnte oder durfte, ähnlich wie nach dem  Faschismus (Alexander und Margarete Mitscherlich), kaum . Zumindest fand die Trauer keinen öffentlichen Raum, keine öffentliche Anerkennung. Und wo nicht getrauert werden kann, dort bleibt nicht nur die verdrängte Wut unter der Oberfläche virulent, es bleiben auch die alten Muster des vertrauten autoritären Denkens, Handelns und Wünschens erhalten.

Pegida und AFD bringen es an den Tag.

Denn das Heimatgefühl wählt weder kognitiv noch politisch korrekt. Es  strebt nach where we are coming from. Es ist rückwärtsgerichtet. Es sucht nach dem bekannten Gefühl, in dem ich mich zu Hause fühle, in dem ich mich auskenne. Die Heimat ist kein rationaler Ort. Dem Heimatgefühl ist es verdammt egal, ob der „Kaiser“ ein Despot war oder keine Kleider anhatte, ob das Regime ein Unrechtsstaat war oder nicht.

Seltsam genug – aber so ist Psychologie – sehnen sich manchmal, in einer schwachen Stunde, selbst die, für die der Unrechtsstaat alles andere war als eine gute Heimat, in den Dunst der alten Umgebung zurück, und wenn es nur der beißende Geruch von Braunkohle über Dresden ist.

Heimatlosigkeit – ein globales Gefühl

Im Zeitalter der Globalisierung sprengt die Beschleunigung des Wandels von allem alle Grenzen. Kein Wunder, wenn im Kontext dieser Entgrenzungen Gefühle von Heimatlosigkeit zu einem überall auftretenden, flächendeckenden Phänomen werden. Wer nach drei Jahren in Shanghai in sein altes Viertel kommt, kommt in eine neue Stadt. Immer weniger Menschen fühlen sich zu Hause. Heimatlos. Das gilt für die, die flüchten müssen, weil Gewalt und Krieg unerträglich werden, und es gilt für die, die in ihrer Heimat keine Zukunft mehr sehen und zu den Inseln des Wohlstandes und der Sicherheit aufbrechen, nichts weiter als eine vage Hoffnung im Gepäck. Es gilt aber auch für die, die erleben, wie sich dort, wo sie schon länger leben, die vertrauten Umgebungen, in der Phantasie oder ganz real, auflösen und allmählich verschwinden. Die Heimaten schwinden.

In der Welt von heute ist Heimatlosigkeit ein überall auftretendes Gefühl, es trifft nicht nur die unbehaust Umherwandernden sondern auch diejenigen, die noch eine Heimat, ein zu Hause haben.

Zukunft mit Heimatlosigkeit?!

Wer die Dialektik von Bereicherung und Verlust nicht versteht, steht ahnungslos und hilflos da. Wer – wie so oft in links-liberalen Milieus – die (Intensität der) Verluste negiert oder tabuisiert, jedenfalls nicht offensiv thematisiert und eine Richtung weist, der treibt die Menschen, die nicht zu den Globalisierungsgewinnern gehören, in die Arme des rechten Populismus. (Dann wundern wir uns, wir bildungsbürgerliche Jet-setter und intellektuellen Weltbürger, rufen mehr oder weniger intelligent huch, und gefallen uns in unserem Ekel vor den Schmuddelkindern). Dabei ist unsere Ignoranz und Arroganz gegenüber den Phänomenen nichts weiter als ein Ausdruck der eigene Ratlosigkeit. Wer selbst keine Kraft mehr hat, realistische und attraktive Zukunftsentwürfe zu entwickeln, dem bleibt nichts weiter als vom Hügel der eigenen Belanglosigkeit mit Unverständnis und Verachtung aufs einfache Volk herab zu blicken. „Eliten“ können so töricht sein!

It’s emotion, stupid

Bist du blöd, es geht um Emotionen! So möchte man Einigen zurufen. Sicher nicht den rechten Populisten, die haben diese Lektion schon immer gelernt. Auch nicht Winfried Kretschman, der das auch schon lange verstanden hat. Ein Landesvater, der seinem Enkele in seiner Freizeit ein Schaukelpferd schnitzt, wie Meister Eder dem Pumukkel eine neue Nase, der vermittelt den Menschen ein Gefühl von Seriosität, Bodenständigkeit und Sicherheit – kurz ein Gefühl von Heimat. Reale, reelle Politik, emotional passend und glaubwürdig verpackt. Das Reale und die Emotionen müssen allerdings zusammenpassen.

Warum das nicht so leicht ist? Weil man, weil frau etwas vom Leben verstehen muss. Weil Politik nicht über plattes Marketing funktioniert (ein Herr Wolf, der sich aus Marketinggründen in irgendeinen Schnitzkeller setze, wäre nur peinlich). Weil Talent und Fortune dazu gehören. Weil es verdammt harte Arbeit an sich selbst bedeutet. Weil gewieftes Taktieren keine Strategie und keine Visionen ersetzt. Weil kein noch so schlauer Politikberater einem Politiker, einer Politikerin das „ancoachen“ kann, um was es geht: Überblick, Weitblick, Glaubwürdigkeit, die Übereinstimmung von Wort und Tat, Standfestigkeit und Substanz.

Die Substanz, die daher rührt, dass sich jemand tatsächlich in sich selbst und in der Welt zu Hause fühlt. Nur wer in sich selbst und in anderen beheimatet ist und gleichzeitig den Verlust von Heimatgefühlen kennt und benennt, kann den Menschen in der heutigen Welt ein Gefühl von Heimat vermitteln.

Über Felix Bird

Mehr über den Autor oben auf der Website: Felix Bird – Experiment November Journal, ein Selbstversuch
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