Erlösungserzählungen – wie wir das Erstarken des neuen Populismus besser verstehen können

Erlösungserzählungen – Entwurf eines Essays 

Die Literatur kennt, wie das Leben, Tragödien und Komödien. Da weinen und lachen wir über uns, wie wir sind, erkennen uns im Spiegel. Aber damit hört das Sehnen nicht auf. Zu gerne wüßten wir, wer wir sein könnten, wie es sein könnte. Menschen scheinen selten damit zufrieden zu sein, wer sie sind, wie sie sich fühlen, wie es gerade ist. Wir wollen nicht nur erkennen sondern auch erlöst werden. Erlösungswünsche. Erlösungsphantasien. Das Menschsein ist eng verknüpft mit Erlösungserzählungen. Verführerischen Erzählungen, die uns emotional im Leiden abholen und gebundene Energien freisetzen.

Die Struktur solcher Erzählungen ist einfach: a) es wird ein Leiden – möglichst prägnant und packend – so beschrieben, dass wir innerlich zustimmen können ja, so ist es, darunter leide ich, darunter leiden wir
b) es wird überzeugend ein Mittel, eine Handlung, eine Tat, ein Weg propagiert, der aus dem Leiden heraus zur Erlösung führt. Die Erlösungserzählung ist eine Botschaft, die bisher gebundene Energien freisetzt und zum Handeln motiviert: ja, so kann es gehen, das kann ich tun, das können wir tun, so wird es gut.

Ein prägnantes und eindrückliches Beispiel liefert die berühmte Blut-Schweiss- und Tränenrede Churchills zum Eintritt Englands in den 2. Weltkrieg.

Was auch immer es ist – ein geheimes Heilmittel, die Erwartung eines Wunders, das Befolgen bestimmter Regeln, eine Idee, Gefolgschaft, Mühen und Opfer – am Ende der Erzählung steht die Versprechung. Das Versprechen der Erlösung.

Wir finden diese Erzählstruktur heute fast überall. Die „kleinen“ Versprechungen der Werbung. Die „großen“ Versprechungen von Religion, Politik oder Wissenschaft. Auch Therapeuten bemühen die Sprache der Erlösung. Erlösungserzählungen scheinen eine anthropologische Konstante zu sein, tief verankert in der mythologischen und kulturellen Überlieferung der Menschheit. Menschen möchten erkannt, verzaubert und erlöst werden.

Religiöse Erlösungserzählungen

Alte und neue religiöse Erzählungen finden sich in allen Erdteilen und Gegenden und zu allen Zeiten. Sie trösten und versprechen auf verschiedenen Wegen Erlösung. Einige Beispiele:

  • Im Kampf ums Dasein bedrohen uns Feuer, Sturm, Flut, Krankheiten, Dämonen und Tod – Pflegen und ehren wir unsere Ahnen im Jenseits, dann werden sie uns im Diesseits beschützen, und auch wir können einen guten Platz im Jenseits erwarten.
  • Wir, die Menschen, leiden unter der Erkenntnis, dass wir sterblich sind. Das macht uns einsam. In der Natur und untereinander. Lasst uns also im Einklang leben, mit den Gemeinschaften, in die wir hineingeboren werden, mit der Erde, die uns ernährt, und mit der Natur, die uns umgibt – dann bleiben wir Teil eines unauflöslichen universellen Zusammenhangs, in den wir jetzt und am Ende, trotz aller Leiden, erlöst eintreten können.
  • Wir Menschen leiden unter Unordnung und Chaos. Im Universum aber ist kosmische Harmonie. Die kosmische Harmonie besteht aus einer hyrarchischen Ordnung in der Alles und Jedes seinen festen und sicheren Platz hat. Schaffen und verwirklichen wir – jeder/jede an seinem/ihrem Platz – diese Harmonie durch eine hyrarchische Ordnung auf allen gesellschaftlichen Ebenen, dann leben wir die kosmische Harmonie und treten in den Zustand der Erlösung ein.
  • Wir, die Menschen, leiden unter der ewigen, unentrinnbaren Tretmühle der lebendigen Existenz. Alles bewegt sich im Kreis, in einer ewigen Abfolge von Sterben und Wiedergeborenwerden. Arbeite stetig an deinem Karma und lass los. Löse dich, der kreisförmigen Bewegung demütig folgend, schrittweise von allen Kategorien dieser irdischen Existenz – dann wirst du allmählich in den Zustand der Erleuchtung eintreten und erlöst werden.
  • Ihr leidet als Sklaven, seid von Hunger und Tod bedroht, ich aber, Gott, erwähle euch als mein Volk, befolgt meine Gebote, folgt mir bedingungslos, opfert, was euch am liebsten ist, und ich führe euch ins gelobte Land.
  • Ich, der Messias, habe eure Sünden und euer Leiden als menschgewordener Gott am Kreuz auf mich genommen, erweist euch meiner würdig durch euren Glauben an den allmächtigen Gott, durch euer Leben und eure Werke, und auch ihr werdet erlöst werden.
  • Ich, der wahre Prophet Gottes, kenne und teile eure Leiden, führt euer Leben im Geist und im Kampf für die einzige Wahrheit, die Wahrheit Allahs, die ich euch offenbare, und ihr werdet erlöst werden.

Politische Erlösungserzählungen 

Mit dem Beginn der Industrialisierung und dem Eintritt Europas in die Moderne wird die Macht der christlichen Kirchen, vorangetrieben durch die Aufklärung, zunehmend zurückgedrängt. Gleichzeitig versprechen politische Ideologien nun auch Erlösung. Politische Ideologien übernehmen damit eine Funktion, die vorher weitgehend den Religionen überlassen blieb. Politische Akteure werden zu potenziellen Heilsbringern und Erlösern. 

Nationalismus

Der politische Nationalismus betritt im Europa des ausgehenden 18ten Jahrhunderts die Bühne der Weltgeschichte. Die Fesseln der alten Ständeordnung (die Herrschaft von Klerus und Adel) werden durch die neu erwachten Kräfte der Ökonomie und des Handels gesprengt. Ihren Ausdruck findet die neue politische Ordnung in Nationalstaaten. Die Bildung von Nationalstaaten stützt sich primär auf säkulare Interessen, erscheint also zunächst als eher nüchterne Angelegenheit. Und dennoch verdankt der Nationalismus,  schreibt Terry Eagleton, „in manchen Aspekten dem religiösen Denken und Fühlen sehr viel“ (Der Tod Gottes und die Krise der Kultur, S. 109). Die aufkeimenden nationalistischen Ideologien verbinden geschickt säkulare Interessen mit religiösen Motiven.

Die frühen Imperialismen waren im Vergleich zum Nationalismus eher nüchterne Veranstaltungen. Alexander, Cäsar oder Karl der Große eroberten Territorien. Die Soldateska wurde mit Plünderung, Sklaven, Frauen und Latifundien entlohnt. Natürlich standen auch diese Eroberer irgendwie im Pakt mit dem Religiösen, aber das Erlösen war nicht ihre Sache. Anders der erwachende, vom Bürgertum getragene und vom Adel angeführte europäische Nationalismus. Die nationalistische Ideologie verknüpft den Kampf um nationale Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und imperiale Ausdehnung ganz eng mit Erlösungsphantasien. Nehmt Teil am nationalen Kampf und ihr werdet erlöst. Der heilige Kampf für die heilige Nation, das Stahlgewitter als Reinigungsritual mit Erlösungscharakter. Diese nationalistische Alchemie verleiht dem Nationalismus seine ungeheure Wucht.

Der Nationalismus hält sich mit den Niederungen der realen Politik – den Widersprüchlichkeiten des Zusammenlebens, der Verteilung und Balancierung von Macht, den Details der Verwaltung – nicht lange auf. Allenfalls bringt er seine Verachtung für das Klein-Klein des politischen Alltags zum Ausdruck. Nein, dem Nationalismus geht es um mehr und Größeres.

Der Allmächtige sei mit uns, aber die Nation steht an erster Stelle. Die Nation ist Mutter und Vater. Grund allen Seins. Sie steht über dem Einzelnen, über uns, über allem. Die Nation ist absolut, unteilbar, heilig. Durch sie werden wir geboren, beschützt, gerettet und erlöst. Für sie sterben wir.

Die Ideologie des Nationalen verbindet, ja verschweißt den Einzelnen mit etwas Größerem, und das Größere mit jedem Einzelnen zu einer untrennbaren Einheit (Wer die Nation angreift, greift mich an, wer einen von uns angreift, greift die Nation an). Im nationalen Kampf kulminiert diese Einheit in einer kollektiven Trance. Nationale Extase. In der nationalen Euphorien am Beginn des 1. Weltkrieges steigert sich die nationale Masse in einen ozeanischen Kriegsrausch, der jede Vernunft niederwalzt und selbst den Klügsten den Verstand raubt. Ob Sieg oder Niederlage, Stolz oder Demütiging, Triumph oder Tristesse – der Einzelne geht im Großen und Ganzen der Nation auf, während die Nation gleichzeitig aus den aufopferungsvollen Taten der Einzelnen hervorgeht.

Die Ideologie des Nationalismus erfindet eine neue Totalität (die nur in der Vorstellung existiert). In dieser Totalität bilden Kultur–Volk–Kampf–Erlösung ein untrennbares Ganzes.

Sozialismus

Die marxistische Erzählung vom Sozialismus-Kommunismus scheint zunächst weit weg von jeder Metaphysik und dem Idealismus des Religiösen. Wer zwischen dem Glauben an die Heilige Dreifaltigkeit und der Theorie von Mehrwert und Klassenkampf gedanklich eine direkte Verbindung herstellen will, muss sich schon ziemlich anstrengen. Und doch gibt es verborgene Kontinuitäten zwischen jüdisch-christlichem Denken und Marxistischen Motiven: „Gerechtigkeit, Emanzipation, der Tag der Abrechnung, der Kampf gegen Unterdrückung, die Machtergreifung der Entrechteten, das zukünftige Reich, in dem Friede und Überfluss herrschen“ (Terry Eagleton. Der Tod Gottes und die Krise der Kultur, S. 116).

Der Marxismus, die etwas andere Erlösungsgeschichte: Eure Leiden entspringen der Herrschaft des Kapitals, zerschlagt eure Ketten, befreit euch aus der Knechtschaft, ergreift die Macht, befreit die Produktivkräfte, revolutioniert die Besitzverhältnisse und die Art eurer Beziehungen, und wir werden im Überfluss, in Frieden und Freiheit leben – erlöst von allen Zwängen.

National-Sozialismus 

Der deutschen Faschismus verband Nationalismus, Elemente eines völkischen Sozialismus, Rassismus und einen ins Hysterische gesteigerten Antisemitismus zu einer besonders abstrusen und irrationalen – wenn gleich zu seiner Zeit wirkungsmächtigen – Form der Erlösungserzählung.

So spricht der deutsche Faschismus zum Volk: Unsere Leiden sind offensichtlich. Aber woher kommen sie? Da sind zum einen die Ungerechtigkeiten des Kapitalismus. Der Kapitalismus wird beherrscht und gelenkt vom internationalen Finanzjudentum. Deutschland leidet aber auch an der nationalen Niederlage und den Demütigungen von Versailles. Wie war es möglich, dass die unbesiegbare Nation kapitulierte? Das war nur möglich, weil die deutsche Nation, der deutsche Volkskörper, geschwächt wird durch Parasiten und Schädlinge. Daher konnte das deutsche Reich den Dolchstoß, der hinterrücks von Innen kam, nicht abwehren. Wer sind die Parasiten und Volksschädlinge? Es sind die Juden, die unsere Rasse schwächen. Es sind Kommunisten, Sozialisten und liberale Intellektuelle, die mit ihren zersetzenden Ideen unsere Volksgemeinschaft und unseren Willen zur Macht schwächen. Was muss getan werden, damit Deutschland wieder atmen und triumphieren kann? Wir, das deutsche Volk, müssen, unter der Führung Adolf Hitlers, die Macht ergreifen. Die nationale Revolution wird die Lügenpresse ausschalten, die Parlamente schließen und das germanische Führerprinzip auf allen Ebenen durchsetzen. Demokratie ist etwas für Schwächlinge. Wir werden die Verwaltung, die Justiz, das Militär, die Polizei, die Wissenschaft und die Kultur von allen Elementen säubern, die den Willen zur Durchsetzung der national-sozialistischen Ideen sabotieren. Wir werden der germanischen Volkskultur den Platz in der Mitte unserer Volksgemeinschaft einräumen, der ihr gebührt. Kulturelles Unkraut wird vernichtet. Entartete Kunst gehört auf den Scheiterhaufen. Vor allem aber werden wir, ein für alle mal und ohne Pardon, unsere Rasse, den Volkskörper, reinigen von allem Ungeziefer und allen Missbildungen. Juden, Behinderte, Irre, Schwule, Zigeuner, abweichende Elemente müssen gnadenlos ausgemerzt werden. Vor allem aber die Juden. Diese Tat wird uns, die germanische Herrenrasse, die dazu ausersehen ist über andere Rassen und Untermenschen zu herrschen, hart und unbesiegbar machen. Stark genug, um im Kampf gegen das internationale Finanzjudentum die Weltherrschaft zu erringen. In diesem Prozess der fortwährenden Reinigung und der skrupellosen gewaltsamen Machtergreifung- und Machtausübung werden wir als deutsche Nation, wird jeder Einzelne von uns, erlöst. Weil wir unter der Führung unseres Führers Adolf Hitler unser vorherbestimmtes Schicksal verwirklichen und der Vorsehung zum Sieg verhelfen.

 Die Erlösungsstory des radikalen Neoliberalismus 

Tempi passati. Eine Weile schien es, jedenfalls welthistorisch, etwas besser zu laufen. Der schrecklich wütende Faschismus wurde besiegt. Europa schickte sich an, den aggressiven Nationalismus in den Gräben von Verdun zu beerdigen. Letzte Ehre für die im Irrsinn gefallenen. Europäische Union. Freundschaft. Nie wieder sollten europäische Völker gegeneinander kämpfen. Der Kolonialismus wurde weltweit zurückgedrängt. Der reale Sozialismus brachte nichts weiter zustande als den Bau von Ruinen, zerfiel, und brach unter dem Gewicht der eigenen gesellschaftlichen Zerstörungskraft und Agonie in sich zusammen. Für einen Moment schien die Welt offen und bereit für Neues.

Dann kam der weltweite Siegeszug einer radikalen Ideologie, die man als radikalen Neoliberalismus bezeichnen kann. Diese Form des Liberalismus versteht man am besten in ihrem scharfen Gegensatz zum Ordoliberalismus der Freiburger Schule der Nationalökonomie. Die Theorie der Freiburger Nationalökonomen (Eucken, Böhm) betont die Bedeutung und Notwendigkeit eines politischen Ordnungsrahmens für die Wirtschaft, der durch demokratisch legitimierte Politik machtvoll vorgegeben und kontrolliert werden muss. Die gesellschaftliche Zähmung der wilden Wirtschaft. Dieser „Dritte Weg“ wurde nach dem 2. Weltkrieg in der Bundesrepublik zur theoretischen Grundlage der Sozialen Marktwirtschaft, von Ludwig Erhard versehen mit sozialem Anspruch (Rüstow, Röpke) und einem flexiblen Pragmatismus in der Konjunktur- und Sozialpolitik. Das, immerhin, war ein System, das seine ökonomische Leistungsfähigkeit und gesellschaftliche Eignung empirisch glänzend nachgewiesen hat.

Anders der radikale Neoliberalismus, der sich zunehmend vom klassischen Liberalismus und damit auch von den Bedenken seiner theoretischen Väter (Hayek, Popper, Friedmann) löste. Weltweit setzte sich diese Strömung oder Gesinnung seit den 70ger Jahren des 20ten Jahrhunderts immer mehr durch. Der radikale Neoliberalismus missachtet den kategorialen Unterschied zwischen Betriebswirtschaft und Nationalökonomie. Für die Lösung fast aller Leiden und Probleme wird eine einfache Lösung propagiert: die marktradikale Deregulierung aller (!) Beziehungen. Ob internationale Beziehungen, Volkswirtschaften, Betriebe, Staaten und ihre Aufgaben (Inneres, Finanzen, Wirtschaft, Verkehr, Arbeit, Kultur, Bildung, Gesundheit, Soziales), ob natürliche Ressourcen (Wasser, Gene, Boden) oder persönlichen Beziehungen – die Empfehlung ist immer gleich: Weniger Regeln, mehr Markt. Wo noch kein Markt ist soll Markt werden. Lasst die Wirtschaft frei. Privatisiert. Möglichst wenig Staat, möglichst viel freie, wilde, ungezähmte Wirtschaft.

Die Erlösungserzählung des radikalen Neoliberalismus geht so: Ihr leidet unter Problemen? Menschliche Beziehungen aller Art regeln und regulieren sich am besten über Märkte! Schaft Märkte, wo keine sind. Dann befreit die Märkte von allen Fesseln! Drängt den Staat zurück, sorgt für das Primat der Ökonomie. Denn die Ökonomie ist vernünftg! Lasst Material, Produkte, Kapital und Arbeitskräfte weltweit ungehindert und frei fließen. Die Selbstorganisations- und Selbstregulierungskräfte der Märkte müssen frei schwingen können, dann liefern sie die besten Ergebnis. Für alle Probleme und für alle Menschen! Denn Märkte schaffen nicht nur Entwicklung, Wohlstand und Reichtum, sie sind am Ende des Tages auch gerecht. Gier ist gut und Geiz ist geil. Warum? Weil freie Märkte, wenn man ihre Selbstreinigungskräfte nicht durch unnötige Regeln stört, für mehr Wohlstand, mehr Freiheit, mehr Gerechtigkeit und mehr sozialen Frieden sorgen! Jedenfalls alle mal besser als alle bürokratischen Systeme dies je könnten. Der freie Markt erlöst euch!

Einmal zur hegemonialen Ideologie aufgestiegen eroberte der radikale Neoliberalismus im Sturm die Welt. Rund um den Globus durchdringt die Idee alle Beziehungen und das Bewusstsein der Einzelnen. Ein Siegeszug ohne gleichen. Und tatsächlich, weltweit blühen Handel und Volkswirtschaften auf. Und im globalen Maßstab, schaut man nur auf bestimmte Kennzahlen, verringern sich die Wohlstandsunterschiede.

Das Unbehagen in der Globalisierung und die Ignoranz der Eliten

Natürlich ist der radikale Neoliberalismus nicht allein verantwortlich für alle Leiden und Übel dieser Welt. Doch er bestimmt als zentrale Kontextbedingung, als weltweit wirksame Ideologie, die aktuelle Dynamik der Zivilisation entscheidend. Und die Ökonomisierung aller Beziehungen und Lebensbereiche hat enorme „Nebenwirkungen“ und Schattenseiten.

Es sind nicht nur die gewaltigen Umweltschäden oder die katastrophalen finanziellen Tsunamis, Ungleichgewichte und Unwuchten, die durch die neoliberale Ideologie zumindest begünstigt werden. Dieser Kapitalismus tötet, sagt Pabst Franziskus. Er schlägt die Menschen in die Flucht und lässt sie ertrinken. Der pure Ökonomismus erzeugt und hinterlässt aber vor allem eine breite Spur der Verwüstung in den Beziehungen der Menschen untereinander und in ihren Seelen. Eine zivilisatorische Katastrophe mit nachhaltiger Wirkung. Das Vertrauen schwindet und die Werte verfallen. In allen Kontinenten und allen Ländern, in allen Gesellschaften und Schichten.

Der Kapitalismus schaltet den Turbo ein: Verdichtung von Arbeit, ständiger Wandel, permanenter Konkurrenzdruck von der Wiege bis zur Bahre, verbreitete Unsicherheit, was Morgen sein wird, das Gefühl, die Dinge nicht zu überblicken, Angst vorm Versagen, Angst vor dem Abstieg, der Verlust von Heimat in der Heimat, der Verlust von Heimat, Wanderarbeiten, Entsolidarisierung, Zunahme von Rüpelhaftigkeit und Gewalt, Grassierende schlechte Laune (Depressionen) angesichts einer Welt, die aus den Fugen zu geraten scheint und dystrophe Phantasien weckt. Verlust von Bindung, Respekt, Vertrauen und Hoffnung.

Die Menschen fühlen sich in der Globalisierung nicht wirklich wohl. Ja es gibt Ersatzhandlungen und Ersatzerlösungen. Konsum, POP, Drogen, Sport, Therapie. Aber die wirken nicht nachhaltig. Viele sind nicht glücklich, obwohl sie ständig darauf hingewiesen werden, dass sie es eigentlich sein sollten. Denn auch das gehört zur neoliberalen Ideologie: jeder ist seines Glückes Schmied allein. Mach was aus dir, dann wirst du glücklich sein. Oder umgekehrt, sei glücklich, dann wird was aus dir!

Ein seltsam gespaltenes Lebensgefühl. Auf den Bühnen, vordergründig, stellen die Akteure eitler und massenhafter als jemals zuvor zur Schau, wie viel Spaß sie haben und wie toll sie sind – backstage, hintergründig, fühlen sich Viele diffus unwohl, unglücklich, unsicher, ängstlich, abgehängt, orientierungslos, betrogen, ohnmächtig, frustriert und – wütend.

Und was sagen die Eliten? Das alles ist Alternativlos. Das beleidigt nicht nur den vernünftigen Geist. Es handelt sich auch um eine fatale Lebenslüge. Aber die konservativen und liberalen Eliten verbindet ein knallharter Konsens: Die Globalisierung unter neoliberalen Vorzeichen ist ein Glück, mindestens aber unausweichlich. Also mach das Beste draus. Arbeite hart an dir, optimiere dich, und kämpfe dich nach oben durch. Unten ist die Luft eben dünn.

Das macht die Wütenden zorniger. Die immer gleichen Floskeln, mantrahaft wiederholt, stacheln die WUT nur weiter an. Unabhängig von der politischen Einstellung und Überzeugung verliert das real existierende politische System, hier die real existierende Demokratie, an Glaubwürdigkeit. Zunächst melden sich die Leute still ins Private ab (Ähnlich wie im real existierenden Sozialismus). Ich bin dann mal weg. Gleichgültigkeit. Aber untergründig nagt die Angst, vergiftet das Misstrauen, breitet sich Bitterkeit aus, wühlt die Wut, schwelt der Zorn. Der konservative Publizist Andrew Jullivan spricht im New York Magazin vom „gerechten revolutionären Zorn“, den eine an sich selbst ermüdete Demokratie nicht mehr einfangen könne. Das Volk will Erlösung und findet keine. Alles zu verworren, zu liberal, zu kompliziert, zu verlogen.

Wem die Stunde schlägt – die Internationale der neuen Populisten

Es ist nicht nur der tief sitzende Frust und der Zorn der Bürger über die Verhältnisse, die aus dem Ruder laufen. Es ist vor allem die Arroganz der Mächtigen und die törichte Ignoranz der Eliten gegenüber den Realitäten, dieses „weiter so“, das im besten Fall Gleichgültigkeit erzeugt. Das Problem ist nur, dass diese Gleichgültigkeit der blinden Wut den Weg bereitet. Die Ignoranz der Mächtigen war immer schon der Humus, auf dem der Populismus gedieh.

Jetzt also schlägt weltweit die Stunde der neuen Populismen. Die Internationale nationalistischer Populisten. Was für eine schräge Parade. Zeit der kleinen und großen politischen Vereinfacher und Erlöser. Egal ob von links oder rechts, vor allem aber, im Westen nichts Neues, gerne von rechts. Und alle bedienen sich gerne im großen Archiv der Erlösungserzählungen.

Sicher, die Populismen unterscheiden sich von Region zu Region, von Land zu Land. Die Kinder der Postmoderne lieben es geschmeidig. Berlusconi, Putin, Chaves, Erdogan, Xi,  Kaczyński, Le Pen, Wilders, Orban, Blocher, Farage, Stracher, Hofer, Trump – jeder kocht ganz pragmatisch seinen eigenen speziellen Erzählsud. Garniert und abgeschmeckt mit lokalen Spezialitäten und Gewürzen. Die Populistenküchen Italiens, Frankreichs, Englands, Chinas, Ungarns, Polens, Österreichs, Deutschlands oder Amerikas unterscheiden sich. Klar. Und doch schmecken die Erzählsuppen ziemlich ähnlich: autoritär, völkisch, nationalistisch, chauvinistisch, rassistisch, fremdenfeindlich, intellektuellenfeindlich, demokratiefeindlich. Die Zutaten sind immer gleich. Mal wird das eine betont, mal das andere. Egal wie postmodern die Erlösungserzählung zusammengesammelt ist (Gianni Riotta spricht von „postmodernen Meisterstücken, subjektiven Surrogaten für die echte Welt, in denen Wahrheit und Wirklichkeit irrelevant sind“) – die populistischen Rapper kopieren sich gegenseitig. Egal wie provinziell und borniert, der neue Populismus ist global vernetzt.

So spricht der Populist als Erlöser: Ich bin ein Gewinner. Aber ich teile eure Leiden. Ich weiß wie es ist, da unten zu stehn. Im Regen, die geballte Faust in der Tasche. Ich spüre eure Wut. Ich bin auch wütend. Unsere Empörung ist gerecht. Es läuft etwas falsch hier. Absolut falsch. Ihr fühlt richtig. Ihr seid richtig. Im Kopf und im Herz. Ihr fühlt richtig, nicht die da oben. Ihr seid das Volk. Bleibt so, wie ihr seid. Ihr müsst euch nicht verändern. ES muss sich etwas verändern. Die da oben müssen sich verändern. Ob sie wollen oder nicht. Ich bin einer von euch. Ihr fühlt intuitiv richtig, dass etwas faul ist. Und ich weiß warum. Auch wenn wir von den Mächtigen und ihren Medien permanent belogen und in die Irre geführt werden. Fragt mal eure Nachbarn. Normale Menschen mit normalem Menschenverstand. Alles Betrug. Alles Lüge. Ich sage euch die Wahrheit. Die politische Kaste und die Reichen stopfen sich die Taschen voll und höhnen noch dazu herum. Sie raffen es nicht. Die Mächtigen sind komplett abgehoben und hören euch nicht zu. Aber mein Ohr habt ihr, und deshalb weiß ich, wo es lang geht. Folgt mir und euer Wille geschieht. Ich weiß, was hier falsch läuft, und was jetzt getan werden muss. Die politische Klasse hat abgewirtschaftet. Das System ist marode und am Ende. Es muss weg. Wählt mich. Wenn ich an der Macht bin, werde ich den Saustall ausmisten. Politische Kehrwoche. Es ist alles gar nicht so kompliziert, wie von der elitären Kaste, den intellektuellen Schmarotzern, immer wieder behauptet. Alles ist ganz einfach! Die werden sich noch wundern, was alles möglich ist. Ich schicke das ganze System und seine korrupten Akteure, die liberalen Looser, einfach nach Hause. Gemeinsam jagen wir die intellektuellen Wirrköpfe und ihre „politische Korrektheit“ zum Teufel. Dann könnt ihr wieder ruhig schlafen und nachts sicher durch unsere Straßen gehen. Ich fühle, was ihr fühlt und ich weiß, was ihr wollt. Das genügt.

Die liberale Öffentlichkeit, verschreckt, fassungslos, rätselt. Was ist da los? Wie kann so etwas verfangen? Ein Haufen durchgeknallter Egomanen, aufgeplusterter Kleingeister, charismatischer Psychopathen? Mehr oder weniger begabt. Lächerliche, obskure Knallchargen? Mit Programmen voller Ressentiments und Widersprüchen, ohne Details. Kein durchdachter, schlüssiger Plan. Zusammengeschusterte Weltsichten weit weg von der realen Wirklichkeit und vom einmal erreichten Konsens der Vernünftigen. Wo sind wir!

Aber die Geschichte lehrt, der Populist als Erlösungserzähler darf das alles sein: unbestimmt, widersprüchlich, wirklichkeitsfern, oberflächlich, ungerecht, absurd, aufgeblasen, kalkuliert skurril und durchgeknallt und hässlich und böse. Er muss genau so sein wie der Mob, wie das Dunkle in uns, um erfolgreich zu sein. Sportpalast. Im Populisten spiegelt sich der Mensch in der Menge, wie er es sich allein niemals traute zu sein – ohne anonymes Aufgehen in der Masse, ohne Zampano, der die Menge aufpeitscht. Der kalkulierte Tabubruch und die gezielte Provokation des liberalen Mainstreams gehört unbedingt dazu.

Dialektik des Irrationalen. Die Torheit, das wusste schon Erasmus von Rotterdam, kann eine Quelle von Vitalität und Kreativität sein. Der intelligente Populist setzt das Irrationale mit Kalkül ein. „Kein anderer als Silvio Berlusconi“, schreibt Thomas Assheuer in der Zeit (Ein autoritäres Angebot. 25.5.2016, S 43), „hat das rechte Betriebsgeheimnis ausgeplaudert, wonach Irrationalität und Unberechenbarkeit eine Gesellschaft besser zusammenschweißt als die demokratische Vernunft…Der Innovator ist umso origineller, je mehr seine Inspiration der Tiefe des Irrationalen entspringt.

Ohne eine überzeugende Alternative zu einer Globalisierung unter radikal neoliberalen Vorzeichen werden Populisten weiter auf der Woge der Empörung reiten und Ressentiments in Feindschaft verwandeln können.

 

Über Felix Bird

Mehr über den Autor oben auf der Website: Felix Bird – Experiment November Journal, ein Selbstversuch
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