Großes Theater – was könnte gut sein am Brexit?

Shakespeare lebt

IMG_3680 Britain out. Shakespeare hätte seine Freude an diesem Schauspiel. Was für ein Drama, was für eine Komödie! Regie: ja, wer führt eigentlich Regie? Ist’s der globale Zeitgeist, vertreten durch komplett desorientierte Eliten und wütende Bürger? Sind es die Ritter vom Pup, oder sind es die ahnungslosen Narren aus den ländlichen Leienspielgruppen? Sind es die Künstler, die nur ja keine Bürger mehr erschrecken mögen, oder ist es gar die verpennte junge Generation, die zu spät aufsteht? Egal, am Ende sind es all diese zusammen mit den Protagonisten, die das Stück spontan zur Aufführung bringen.

 In den Hauptrollen funny David und bloody Boris. Aber wer sind die Guten, wer sind die Bösen? Wer will wen austricksen? Sind es die Damen und Herren vom Kontinent, ist es das Gerangel nüchterner Nordländer und heißblütiger Südländer, sind es Brüsseler Bürokraten, oder ist es am Ende gar doch wieder mal der ewige Fritz, diesmal in Damenkleidern, der sich mit panzerhafter Sturheit zum Hegemon aufschwingt (abgezockt cool und mit dem Charisma einer brunhildischen Domina sphinxhaft-hintergründig gespielt von Angela M. Man weiß nie, was sie will, wahrscheinlich weiß sie es selbst nicht, doch das heimische Publikum fällt bei ihrem Auftritt sofort begeistert in eine Art apolitische Trance, während Andere sich fürchten. Ambivalenz, glückliche Lähmung und starre Furcht, das wünscht man sich im Theater. Dagegen tun sich die männlichen Darsteller schwer, selbst wenn sie permanent an die Rampe treten)?

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Vieles spricht allerdings dafür, dass es vor allem die Ladies und Gentlemen aus England sind, die am Untergang basteln, in den feinen Clubs, zu allem entschlossen, elegant umeinander schleichend, das Machtkalkül und den Dolch im Gewande. Power games – Im Theater nichts Neues.

Nichts wird, wie es gemeint war und ein Ende ist nicht in Sicht – Europa neu erfinden

Und was ist die Moral von der Geschichte? Was will uns das Stück sagen? Nun, zunächst: es geht auch anders! Und das ist keineswegs banal. Es ist ein Schlag ins Gesicht jener intellektuell verkommenen Gemeinde, deren Religion das Gerede von der Alternativlosigkeit ist.

 Eine Welt ohne Alternativen, liebe Freunde, das ist das Ende der Welt. Eine Welt ohne Dialektik steht still. Eure Welt steht still. Eine Welt, in der man aus dem Club nicht mehr austreten kann – was wäre das für eine Welt? Jedenfalls keine, in der es Spass macht, im Club zu sein! Ist es nicht wunderbar, die kannst in den Club eintreten, du kannst austreten, du kannst einen ganz anderen Club aufmachen. Du kannst bleiben, du kannst weggehen, du kannst kämpfen. Dazu sind wir hier.

 Im übrigen: Das Gute kann im Schlechten, das Schlechte im Guten sein. Stets bringt das Gute Schlechtes, das Schlechte Gutes hervor. Es gibt Richtiges im falschen Leben, und Falsches im richtigen Leben. Schon mal von Dialektik gehört? Shakespeare? Hegel? Goethe?

 Horkheimer und Adorno haben der EU schon ein Sprüchlein ins Poesiealbum geschrieben, bevor es die EU überhaupt gab: Indem die Besinnung auf das Destruktive des Fortschritts seinen Feinden überlassen bleibt, verliert das blindlings pragmatisierte Denken seinen aufhebenden Charakter, und darum auch die Beziehung auf Wahrheit.“

 Genau das ist passiert. Die Leute verlieren ihren Glauben an die EU, weil sie das in Politformeln erstarrte Geschwätz vom ewig Positiven des alternativlosen Fortschritts satt haben. Dagegen haben die Briten gestimmt, ohne zu wissen was sie taten. Das Erwachen wird hart sein, wenn offenbar wird, dass auch die politischen Brandstifter keine Ahnung haben, wie der nationalistische Alleingang eigentlich aussehen soll. Eiferer ohne jeden Plan.

Aber vielleicht setzt das Drama ja doch Besinnung frei.

Vielleicht wagen wir Europäer mehr Vernunft, indem wir die Schattenseiten des Fortschritts bedenken. Vielleicht wagen wir weniger Bürokratie. Vielleicht wagen wir eine intelligentere Balance von Sparen und Investieren. Vielleicht wagen wir ein vereintes Europa autonomer Regionen. Vielleicht wagen wir ein Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten. Ein Europa des Transfers und der Fairness. Vielleicht wagen wir weniger Aktionismus und mehr Besonnenheit. Ein Europa, das keine Gräben vertieft und Unterschiede zwischen klein und groß, arm und reich besser ausbalanciert. Vielleicht wagen wir es, Europa neu zu erfinden.

Wäre doch gar nicht so schlecht. Vielleicht kommen die Briten dann ja wieder. Warum eigentlich nicht. Britanniens Drama ist auch unser Drama.

Aktuell zum Thema: Caren Miosga im Interview mit Anette Dittert https://www.facebook.com/tagesschau#

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Über Felix Bird

Mehr über den Autor oben auf der Website: Felix Bird – Experiment November Journal, ein Selbstversuch
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