Politik als Farce – Fussball als Droge

Fussball, das ganze Drum-Herum, war schon immer ein Spiegel der gesellschaftlichen Zustände. Was erzählt uns der Fussball heute über den Zustand der Gesellschaft? Fußball FußballWährend Ethik-Seminare in den Führungsetagen Konjunktur haben geht die Moral zum Teufel. In „Ende der Spielzeit“ beschreibt der SZ-Redakteur Holger Gerts treffend, wie der Profifußball sich von ethischen Werten entfernt und dreist auf die dunkle Seite zubewegt. Ein Artikel aus der Tiefe des Fussballerherzens. Lesenswert. 

„Die Gefahr des Fußballs heute ist, dass sein Bezug zur Gegenwart schwindet“, hat der Philosoph Gunter Gebauer geschrieben, sein Buch erschien im vergangenen Sommer, und schon in diesem Sommer sieht man, wie recht er hatte. Die Spiegel-Enthüllungen der Football-Leaks, Ronaldos Steuerschuld, andererseits die Ablösesummen, für die Fußballer verkauft werden. Neymars Wechsel von Barcelona zum von Katar finanzierten Bonzenklub Paris St. Germain, kurz PSG. 222 Millionen Euro für einen Fußballer. Die Summe ist, im Wortsinn, unfassbar. Der Gigantismus hat den Volkssport Fußball längst am Wickel, vielleicht drückt er jetzt richtig zu.

Aber ist die Transferangelegenheit Neymar überhaupt ein politisches Thema? Oh ja, hochpolitisch. Andere arabische Länder haben die diplomatischen Beziehungen zu Katar abgebrochen, dem Emirat wird vorgeworfen, nicht nur den PSG zu unterstützen, sondern auch den Terrorismus: Besonders aus Richtung der Saudis klingt dieser Vorwurf bemerkenswert und dreist. Der Deal mit Neymar ist jetzt ein Symbol dafür, dass Katar trotz allem im wichtigen Fußballbusiness weiter im Geschäft ist, ein Lebenszeichen. Vom „Business-as-usual-Image“ schreibt die Washington Post.

Dann sprach Franz Beckenbauer über die Zustände in Katar – die alternativen Fakten des Kaisers

Der Transfer ist aber auch wegen der enormen Geldbewegungen ein Vorgang, der politisch diskutiert werden müsste. Die Fußballszene allerdings verwitzelt schon wieder alles, die 222 Millionen werden in Beziehung gesetzt zu anderen Ablösesummen. Für das Geld hätte man 39 Maradonas kriegen können, 24Baggios, 15 Ronaldos, 4 Zidanes, 2 Pogbas oder 444 Westermänner, steht im Internet. Abgesehen davon, dass kein Klub mit 444 Westermännern irgendwas Sinnvolles anstellen könnte – man sollte das, was da gerade passiert, zur Abwechslung ernst nehmen. Und sich die Frage stellen: Wie viele von den 1,4Millionen Kindern, die auch in diesem Jahr in Afrika wieder verhungern könnten (oder schon verhungert sind), könnte man mit dem Neymar-Geld aufpäppeln? Man kann das eine nicht gegen das andere aufrechnen, heißt es immer. Aber warum kann man es denn nicht gegeneinander aufrechnen? Die Zahlen sind doch auf dem Tisch. Die Zahlen der vom Hunger bedrohten Kinder stammen von Unicef, dessen Signet auch auf das Barcelona-Trikot von Neymar geflockt war. Allerdings auf der Rückseite.

Der Profifußball hat sich in diesem Sommer von ethischen Werten und zivilgesellschaftlichen Errungenschaften endgültig und umfassend gelöst. Es ist der Endpunkt einer Entwicklung, die in den Nullerjahren angefangen hat. Zur Blütezeit des Arschgeweihs wurde der Fußball zu Überlebensgröße aufgeblasen. Altkanzler Kohl leitete im Juli 2000 eine Pressekonferenz zur Spendenaffäre mit den Worten ein: „Zuerst möchte ich meine Freude zum Ausdruck bringen, dass wir die Fußballweltmeisterschaft jetzt gewonnen haben.“ Kanzler Schröder legte sich einen 96er-Schal um, wenn er in Hannover zu Gast war, einen Energie-Schal in Cottbus, einen Borussen-Schal in Dortmund. Kanzlerkandidat Stoiber sprach von der Champions League, in der der Freistaat spiele. Als er bei einer Wahlveranstaltung auf eine Torwand anlegte, fegte sein Schuss einer Frau die Brille aus dem Gesicht.

Beckenbauer, The Kaiser, spitzelte den Ball vom Rand eines Weißbierglases ins untere Loch der ZDF-Torwand. Der Weltmeisterlibero und Weltmeisterteamchef hatte als Bewerbungsboss die WM 2006 nach Deutschland geholt und sie damit als erster Mensch dreimal gewonnen. Wenn Beckenbauer kandidiert hätte, hätten die Leute in Deutschland eine Lichtgestalt zum Bundespräsidenten gewählt.

Zu der Zeit hat der Schweizer SVP-Politiker Adolf Ogi, damals Sonderberater für Sport bei den Vereinten Nationen, einen vergifteten Satz formuliert: „Wenn Fußballidol Zidane sagt, Aids ist ein Problem, dann erregt das mehr Aufsehen, als wenn das ein Politiker jeden Tag behauptet.“ Ogi wollte dem besten Fußballer der Welt schmeicheln, tatsächlich hat er die eigene Zunft entwertet, Politiker und Fachleute. Ein Subtext mit gefährlicher Sprengkraft: Die Schwäche der gesellschaftlichen Elite erst macht den Fußball so groß.

Irgendwann trug Stoiber eine Brille, die genauso aussah wie die von Beckenbauer. Derart überhöht wandelten sich die Fußballer, auch Franz Beckenbauer. War er nicht mal ein Mann des Volkes? Aber als er später zu den Zuständen beim Stadionbau in Katar gefragt wurde, platzte sein Hochmut wie Galle aus ihm hervor, und die Hybris seiner Branche, im Beckenbauertonfall Braaasch. „Ich habe noch nicht einen einzigen Sklaven in Katar gesehen“, sagte er: „Die laufen alle frei rum, weder in Ketten, gefesselt oder mit Büßerkappe am Kopf.“ Schließlich die ultimative Abnabelung von allen Politikeraussagen und Menschenrechtlerwarnungen und Expertenerkenntnissen. Keine Zeit für Franzeleien mehr, es sprach jetzt über Politik: ein Fußballer, den devote Politiker jahrelang dazu ermuntert hatten, in ihrem Namen zu reden. Er sagte: „Vom arabischen Raum habe ich mir ein anderes Bild gemacht, und ich glaube: Mein Bild ist realistischer.“

Die alternativen Fakten des Franz Beckenbauer: Period, hätte in der bleiernen Gegenwart an dieser Stelle Sean Spicer gesagt, der lügende Ex-Pressesprecher des dreisten, feigen und skandalumwehten US-Präsidenten Trump. Übrigens Trump: Gianni Infantino, Chef des skandalumwehten Weltverbandes Fifa, beklagte im Frühsommer viele „Fake News“ rund um die Fifa. Das ist O-Ton Trump. Und Diego Maradona, einer der tollsten Fußballer aller Zeiten, hat bei einer Gala in Zürich alles getan, um die Fifa strahlen zu lassen.

Jetzt fehlt nur noch einer, der Erdoğans Türkei besingt. Bitte sehr: Lukas Podolski

Maradona: War der nicht auch mal ein Mann des Volkes? Weil er sich das Porträt von Che Guevara auf den weichfleischigen Oberarm hat tätowieren lassen? Aber genauso wie Papier geduldig sein kann, ist auch die Haut von Maradona geduldig. Was draufsteht, sagt nichts aus über den Mann, der drinsteckt.

So ist Fußball im Sommer 2017. Einer tönt wie Trump. Einer präsentiert sich mit Kadyrow. Einer schwärmt von Putins Russland. Fehlt noch einer, der Erdoğans neue Türkei besingt. Bitte sehr: Lukas Podolski, der nächste Mann des Volkes. Podolski, bis zum Sommer Profi bei Galatasaray Istanbul, tritt in einem Werbespot für die Türkei auf. Tore fallen, Slogans werden eingeblendet, „35Millionen glückliche Touristen“. Am Ende sagt Podolski mit der heiseren Jovialität eines kölschen Kneipenwirts: „Come to Turkey!“

Eine Aufforderung, der nicht Folge leisten sollte, wer sichergehen will, nicht im Gefängnis zu landen. Wo 35 Millionen glückliche Touristen sind, sind Zehntausende Beamte entlassen worden, Menschen werden eingesperrt, der Präsident befeuert die Wiedereinführung der Todesstrafe. Podolski ist genug gestraft damit, dass man ihn mit 80 noch Poldi nennen wird, er muss auf seine alten Tage kein Regimekritiker werden. Aber wer hat ihm gesagt, dass er ein Propagandist sein soll?

Sport und Politik, noch mal zum Anfang. 1978 berichtete aus Argentinien für das ZDF der politische Reporter Hanns Joachim Friedrichs, er war noch nicht der bewunderte „Tagesthemen„-Anchorman, nur Hauptabteilungsleiter Sport, aber dem eigenen Anspruch schon verpflichtet. Ein Vorbericht im ZDF, von ihm verantwortet, bejubelte die Zustände nicht. Diese journalistische Selbstverständlichkeit bedurfte einer Erklärung: „Auch als Sportredakteur kann meine Aufgabe nicht nur darin bestehen, stupide die Tore zu zählen“, hat Friedrichs gesagt, das Zitat stammt aus Springers BamS, die einen Reporter in Buenos Aires hatte, der diese journalistische Selbstverständlichkeit infrage stellte. WM ist schließlich Fetenzeit, deutsches Bier und deutsche Würste. „Betreiben Sie eigentlich politische Agitation oder Fußball-Berichterstattung?“, fragte der BamS-Reporter den ZDF-Mann. Und teilte ihm mit: „Ihre Zuschauer, Herr Friedrichs, und unsere Leser haben diese Art tendenziöser Interviews und Berichte, die sich nur am Rande mit Fußball beschäftigen, nämlich satt.“

Im Fußball wiederholt sich vieles, das ist auch sein Reiz. Eine letzte Sequenz aus diesem Fußballsommer: Wie der Experte Mehmet Scholl beim Confed Cup sich offenbar weigert, eine journalistische Selbstverständlichkeit abzuliefern und über die Dopingvorwürfe gegen Gastgeber Russland zu sprechen. Die ARD – seit den Recherchen von Hajo Seppelt und seinen Leuten weit vorn im Thema – hatte einen Bericht angekündigt. Scholl wollte mit seinem Jubelbruder Opdenhövel – früher Moderator der Show „Bitte lächeln“ bei RTL 2 – über die blendende Performance der Deutschen beim aus Katzengold gegossenen Confed Cup reden.

Die Geschichte stand praktisch überall, wurde von der ARD in der öffentlichen Nachbearbeitung aber sehr diskret behandelt. Das Thema ist sensibel.

Scholl darf offenbar weitermachen. Sie werden sich aus Scholl keinen Scholl-Latour mehr zurechtkneten, das wäre für alle Beteiligten auch nicht schön. Aber beibringen sollten sie ihrem mittelgebildeten und maximal bezahlten Querdenkerdarsteller doch, dass Fußball und Politik sehr viel miteinander zu tun haben. Mal was anschauen. Mal was lesen, nicht nur den Kontoauszug und die Quote der letzten Übertragung, stattdessen den alten Walter Jens aus dem Jahr 1978, zum Beispiel. „Die Reporter werden lernen müssen, über die Stadionränder hinauszublicken – die Hörer und Seher haben ein Anrecht darauf.“ Klingt im Fußballsommer 2017 alarmierenderweise so aktuell wie damals.

Und damit zurück zum Spiel.

Über Felix Bird

Mehr über den Autor oben auf der Website: Felix Bird – Experiment November Journal, ein Selbstversuch
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