Menschliche Ethik und maschinelle Intelligenz

Künstliche Intelligenz und Klimadebatte Die Macht der Erzählung

VON PETRA GRIMM

Wie künstliche Intelligenz (KI) mit dem Klimawandel und unserer Biosphäre zusammenhängt, ist ein Aspekt, der im öffentlichen Raum der Erzählungen und Narrative, der Narrationsphäre, noch relativ wenig Beachtung findet. Während wir uns über ökomoralische Fragen wie die, ob wir noch Auto fahren oder Fleisch essen dürfen, Gedanken machen, während von Flugscham die Rede ist, erscheint uns das Digitale immateriell und damit gleichsam umweltneutral.

Künstliche Intelligenz als Schlüsseltechnologie der Digitalisierung wird erstaunlicherweise nicht mit dem Narrativ der Digitalscham assoziiert. Möglicherweise liegt das auch daran, dass das Narrativ des Verzichts der Umwelt zuliebe bei Video- und Musikstreaming, Suchanfragen, Sprachassistenten, Instagram und Whatsapp für unseren Alltag doch allzu folgenreich erscheint.

Es ist zwar weitgehend bekannt, dass der Energiebedarf für Netzwerke und Datenzentren zur Speicherung und Auslieferung von Inhalten, Streaming von Videos und deren Produktion, nicht zuletzt auch bei der Entsorgung der Geräte, für einen rapide wachsenden Anteil der weltweiten Emissionen von Treibhausgasen mitverantwortlich ist. Jedoch werden Nachhaltigkeit und Digitalisierung sowie KI in vielen Köpfen noch nicht in eine narrative Struktur zusammengefügt, geschweige denn ethisch reflektiert. Gleichwohl gibt es bereits im Bereich der ökologischen Forschung eine Vielzahl an Köpfen, die die semantische Grenze zwischen den narrativen Sphären der Nachhaltigkeit und der der Digitalisierung überwunden haben, wie etwa die 2018 entstandene Bewegung Bits und Bäume.

KI verschlingt viel Energie, aber sie könnte auch helfen, unsere heutigen Probleme zu lösen

Aber was bringt es, dass wir uns mit den Narrativen der KI und der Nachhaltigkeit befassen? Wir können damit nicht nur die tieferliegenden Bedeutungen erkennen, die wir Phänomenen zuschreiben, sondern auch ethische Konflikte reflektieren. Beides zusammen kann einen Perspektivenwechsel herbeiführen. Dieser Ansatz einer narrativen Ethik geht davon aus, dass Erzählen eine anthropologische Konstante ist: In jeder Kultur, in jedem Milieu, in jedem Alter werden Geschichten erzählt. So könnte man sagen: Der Mensch ist ein narratives Wesen oder nach Alasdair MacIntyre „ein Geschichten erzählendes Tier“.

Wir erzählen und hören Geschichten in den Medien und im Alltag und eignen uns damit Perspektiven auf die Welt an. Informationen, Meinungen, aber auch Haltungen werden häufig in Geschichten verpackt. Narrative erleichtern uns den Umgang mit Wandel, Umbrüchen und Kontingenz. Manchmal explizit, häufig implizit, vermitteln sie Werte, auch unethische. Narrative sind „Forschungsreisende durch das Reich des Guten und Bösen“, wie Paul Ricœur schrieb.

Für eine Einordnung und Kritik der Narrative ist es sinnvoll, sich zuerst den Begriff künstliche Intelligenz genauer anzusehen. Eine Analyse der einschlägigen Veröffentlichungen zeigt, dass KI fast immer vermenschlicht wird, es ist von „lernen“, „verstehen“, „entscheiden“, „wahrnehmen“, „Probleme lösen“ oder „Menschenähnlichkeit“ die Rede. Damit wird die Sicht darauf verstellt, dass es sich nur um ein digitales System handelt, nicht eine dem Menschen vergleichbare Einheit. Ohne KI zu vermenschlichen, kann KI als ein Software- oder Hardware-System beschrieben werden, das von Menschen entwickelt wurde, um ein komplexes Ziel zu erreichen. Aufgabe der KI ist es, Muster zu erkennen, Prognosen zu erstellen sowie Situationen zu analysieren und sich daran anzupassen.

Nach dieser Begriffsklärung stellt sich die Frage, wie KI mit dem Meta-Narrativ des Klimawandels in Beziehung steht und ob wir ein neues Zukunftsnarrativ brauchen. Abgesehen von der für KI erforderlichen erhöhten Rechenleistung und einem entsprechenden Energiebedarf, der fossil oder erneuerbar gedeckt werden kann, wird der Zweck, zu dem KI eingesetzt wird, ein Lackmustest dafür zu sein, welches Narrativ in Bezug auf den Klimawandel gewinnt: das der Feuerwehr oder des Brandbeschleunigers.

Letzteres wäre der Fall, wenn mittels KI der Konsum weiter angeheizt wird, smarte Städte und Häuser nicht nachhaltig entwickelt werden, der Lebenszyklus digitaler Geräte und vor allem deren Software nicht verlängert wird, deren Produktion und Entsorgung nicht mitgedacht wird sowie Finanztransaktionen und Militärproduktion befeuert werden, kurz, wenn das Prinzip „Vorsprung durch disruptiven Profit“ gewinnt und die Flut der Ignoranz nicht aufzuhalten ist.

Ein entgegengesetztes Narrativ beschreibt die KI als Retter in der Not, als Feuerwehr. Eine im Auftrag des Umweltbundesamts verfasste Studie zur künstlichen Intelligenz im Umweltbereich zeigt, dass KI für eine effizientere und besser kontrollierbare Ressourcennutzung, für umweltfreundliche Infrastrukturen etwa in der Wasser- und Stromversorgung, für eine nachhaltigere Landwirtschaft sowie für ein Sicherheits- und Warnsystem beim Umweltschutz einsetzbar ist.

Das Brandbeschleunigernarrativ kann an die Katastrophengeschichte des Klimawandels mühelos andocken. Das Feuerwehrnarrativ eröffnet zwar eine hoffnungsvolle Erzählung, die an das technische Fortschrittskonzept vom Vorsprung durch Technik des letzten Jahrhunderts anschließt. Genau deshalb aber könnte es auf Skepsis treffen.

Wir sollten nicht fragen: „Was ist technisch möglich?“, sondern: „Wozu brauchen wir das?“

Welches Zukunftsnarrativ wird also glaubwürdig sein? Aus meiner Sicht erscheint am vielversprechendsten ein Narrativ der klugen Vorausschau und Hoffnung, um nicht in Angst, Verzweiflung oder Zynismus zu verfallen, was leicht von antidemokratischen Kräften missbraucht werden könnte. Immanuel Kant hatte recht: Kein Vorhaben kann ohne Hoffnung gelingen. Nur mit einer solchen Haltung gelingt es, Strategien für bestehende und kommende Herausforderungen des Klimawandels und seiner gesellschaftlichen Folgen in politischer und ökonomischer Hinsicht umzusetzen.

Dazu benötigen wir in der KI-Forschung einen ethical turn, der auch einen sustainable turn umfasst, eine ethische Wende, die eine Wende zur Nachhaltigkeit beinhaltet. Damit wird das Prinzip Vorsprung durch Ethik in der KI stärker gewichtet. Diese Perspektive setzt nicht bei der Frage an „Was ist technisch möglich?“, sondern fragt „Wozu brauchen wir das?“ und „Welche Werte sind uns wichtig?“. Der Wert der Nachhaltigkeit sollte in ethischen Leitlinien zur KI stärker als bisher berücksichtigt werden.

In der Praxis erscheint Ethics by Design eine probate Methode zu sein, um glaubwürdig Ethik in der KI zu verankern. Ethics by Design setzt eine Kooperation von Technologie und Ethik während des gesamten Ideen- und Entwicklungsprozesses voraus. In der KI-Forschung und -Entwicklung bedeutet es, dass ethische Überlegungen von vornherein angestellt sowie Nachhaltigkeit und ethische Grundsätze eingehalten werden.

Dieses Vorgehen ist keine einmalige oder punktuelle Angelegenheit. Vielmehr begleitet die Reflexion die Entwicklung und ist auch nach Marktreife eines Produkts, Dienstes oder Systems nicht abgeschlossen. Welches Zukunftsnarrativ Erfolg haben wird, hängt davon ab, an welchem Punkt der Vergangenheit wir die Geschichte beginnen lassen. Denn dieser entscheidet darüber, wie wir unsere Transformation der Gegenwart interpretieren. Das Narrativ „es gibt keinen Klimawandel“ oder „er ist nicht menschengemacht“, kann den Beginn der Geschichte nicht Mitte des 19. Jahrhunderts zu Zeiten der industriellen Revolution ansetzen. Klima und Natur kann im Leugnungsnarrativ nur geschichtslos sein.

Dass dem nicht so ist und der Mensch in die Natur eingreift, hat Hannah Arendt bereits in ihrem Essay „Natur und Geschichte“ 1957 pointiert zum Ausdruck gebracht: „Schon heute leben wir in einer Welt, die weit mehr vom menschlichen Eingreifen in die Natur selbst, dem Erzeugen und Lenken von Naturprozessen, bestimmt ist als von dem technisierten Aufbauen und Erhalten dieser Welt als eines relativ beständigen Gebildes.“

Rückblickend hat sie damit schon wegweisend das Narrativ des menschengemachten Klimawandels vorweggenommen. Aber erst der Club-of-Rome-Bericht „Grenzen des Wachstums“ aus dem Jahr 1972 erhielt entsprechende Aufmerksamkeit und legte den Grundstein für die ökologische Bewegung in Deutschland. Die Geschichte der künstlichen Intelligenz beginnt etwa Mitte des 20. Jahrhunderts. Es wird Zeit, diese beiden Erzählstränge als eine gemeinsame große Geschichte zu denken.

Die Autorin ist Professorin für Medienforschung und Kommunikationswissenschaft an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Sie ist Leiterin des Instituts für Digitale Ethik (IDE) und Ethikbeauftragte (Medienethik) der Hochschule der Medien. Zuletzt erschien von ihr „Digitale Ethik“ (Reclam).

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