Wahrheitssucher auf Abwegen: Die gefährliche Propaganda des Ken Jebsen

Der ehemalige rbb-Journalist Ken Jebsen haut ein völlig abstruses, millionenfach geklicktes, Video zur Corona-Krise (Gates kapert Deutschland) raus. Ein anscheinend irres Konglomerat aus Ungenauigkeiten, Fehlern, Falschmeldungen und Verschwörungsmythen. (Faktencheck 1, Faktenscheck 2.)

Doch der Irrwitz hat System, und es ist wichtig, das zu verstehen!

Hintergrund

Ken Jebsen wurde 2011 vom rbb entlassen, unter anderem wegen antisemitischer Äußerungen („Ich weiss, wer den Holocaust als PR erfunden hat”).

Jebsen betreibt seit Jahren sehr erfolgreich KenFM, eine professionell gemachte Propaganda-Plattform, die westliche Politik massiv angreift und das Vertrauen in westlich-demokratische Systeme systematisch untergräbt. Jebsen interviewt Kritiker aller Art gut vorbereitet und ausführlich. In seinen Gesprächen zeigt er sich interessiert und zugewandt. Auf diese Weise generiert er geschickt Vertrauen und nutzt die Expertise kritischer Geister, allerdings nur, um Kritiken in den kruden Jebsen-Verschwörungs-Kosmos (siehe weiter unten) einzubauen. Jebsen wird, als deutscher „Topjournalist“, regelmäßig vom russischen Staatsfernsehen interviewt. Keine Kritik an den russischen Verhältnissen, Putins Kriegspolitik (Krim, Syrien) wird gerechtfertigt und gelobt

Mit Verschwörungstheorien den Gegner verwirren, spalten und zersetzen

KenFM geht es nicht um berechtigte Kritik, Informationen oder gar Lösungen von Problemen, sondern um Desinformation, Verwirrung und Zersetzung. Natürlich wird genau das Gegenteil immer wieder behauptet: KenFM geriert sich als „Enthüllungsplattform“, die versucht, Fakten und „Wahrheiten“ ans Licht zu bringen, die angeblich von „den Mainstreammedien“ mit aller Macht vertuscht werden. „Das Volk“ wird von den Eliten „für blöd“ verkauft, KenFM aber öffnet die Augen.

KenFM’s Verschwörungstheorien: Das Attentat von 9/11 war eine Inszenierung des amerikanischen Staatsapparates („Terrorlüge“). Das Massaker an der Redaktion von Charly Hebdo war eine verdeckte Aktion westlicher Geheimdienste. Mit der Corona-Krise „kapern“ Bill und Melinda Gates die WHO und die Regierungen der Welt.

Unzufriedenheit und Deklassierung nutzen – gegen die Eliten, gegen den Mainstream

Die System- oder Mainstreampresse, gekaufte Journalisten und Wissenschaftler versuchen mit allen Mitteln das Volk zu belügen. Wie? In dem sie jeden Zweifel, jede Skepsis an den offiziellen Darstellungen als „Verschwörungstheorien“ brandmarken und Kritiker mundtot machen. Kritiker und Skeptiker werden vom „System“ ausgestoßen, das beweisen schon die Angriffe auf Jebsen und seine illustren Gäste, allesamt Opfer des Systems. Die offiziellen Medien, die wahrhaft „Verschworenen“, „verarschen“ „das Volk“, führen „uns“ in die Irre. Einzige Möglichkeit, sich davor zu retten: nutzt die alternativen Kanäle im Internet, nutzt KenFM! 

Das KenFM-Weltbild: „Das System“ als personalisierter Dämon

KenFM geht es aber gar nicht um einzelne Themen oder Aufklärung – im Kern geht es immer, und immer wieder darum, ein paranoid- dämonisches Weltbild in die Köpfe der Zuschauer zu hämmern. Nie geht es wirklich um die Kritik von Strukturen, denn dann müsste man sich ernsthaft mit gesellschaftlichen Systemen, mit autoritären Strukturen und totalitären Systemen im Allgemeinen auseinandersetzen (im Sinne Hannah Ahrends und vieler anderer Gesellschaftskritiker). Man müsste die konkreten Verhältnissen – in Bezug auf Freiheit, Meinungsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit, Verfassungswirklichkeit, Wohlstand, Verhältnis von Arm und Reich, Sozialleistungen, etc. – in Ländern wie China, der DDR, Nazi-Deutschland, Russland heute oder dem aktuellen Trump-Amerika mit den konkreten Verhältnissen in Ländern wie Norwegen, Schweden oder Deutschland heute vergleichen! Absolut nichts davon bei KenFM. Stattdessen Personalisierung. Finde die geheimen Strippenzieher hinter den Kulissen. Das ist der typische Erklärungs- und Suchmodus, mit dem rechtsradikale und linksradikale Wirrköpfe gemeinhin operieren.

Es ist doch alles so einfach: Schuld an allen Miseren der Welt ist der US-Imperialismus (der militärisch-industrielle Komplex mit all seinen Hintermännern, Geheimdiensten und verdeckten Aktionen) im Verein mit dem zionistisch gesteuerten internationalen Finanzsystem. Dem System – mit allen seinen domestizierten Vasallen-Demokratien (Beispiel BRD) – geht es ausschließlich um Weltherrschaft, Ausbeutung und Unterdrückung, um Macht. Demokratie ist Lüge und Maske. Die Eliten, die Parteien sind gekauft und gleichgeschaltet. Journalisten sind bezahlten Handlanger des Systems. Und wer sind die Reichsten und Mächtigsten? Bill und Melinda Gates! Ja, so ist es, liebe Freunde, aber die Wahrheiten und echten Fakten, wie sie von KenFM verbreitet werden, werden ja unterdrückt.

Das Erfolgsrezept: Ein diffus völkisches, radikal antikapitalistisches und antielitäres Narrativ

KenFM bedient ganz bewusst weit verbreitete linksradikale und rechtsradikale Narrative, die tief im „Völkischen“ verankert sind. Geschickt wird auch angeknüpft am  neuen Antisemitismus von links (weit verbreitet in der britischen Labour Party; führte 2018/2019 zum Austritt der meisten Labour Parlamentarier mit jüdischem Hintergrund aus der Partei). Argumentationsfiguren- und muster, die von rechten Populisten übrigens gerne übernommen werden. Die sogenannte Querfront hatte schon in den 1920ziger Jahren eine gemeinsame rassistische, eben antisemitische Basis und trug ganz wesentlich zum Erstarken der NSDAP bei (wer sich dafür interessiert, beschäftige sich mit der politischen Biografie des Nationalsozialisten Gregor Strasser, der die Parteiorganisation und Infrastruktur der NSDAP ab 1925 auf-und ausbaute, und 1934 als Rivale, auf Befehl von Hitler, Göring und Göbbels, von der Gestapo ermordet wurde).

Jebsens Polemiken bleiben allerdings so diffus, so widersprüchlich und beliebig zusammengewürfelt, dass er schwer einzuordnen, bzw. „dingfest“ zu machen ist. Geht es um Lösungen oder Visionen, bleibt alles sehr verschwommen und allgemein, allerdings aufgemotzt durch ein „junges“ rebellisches Vokabular und Redefloskeln, die gerade im Netz hip sind. Der Vorteil: Jebsen kann sich als „überparteilich“ darstellen, und gleichzeitig darf jeder Unzufriedene, dem irgendetwas nicht passt, sich in dem Gefühl bestätigt fühlen, „dass etwas nicht stimmt“ am System, „dass etwas faul ist“ im Staat.

Auf diese Weise wird jede Kritik, ob berechtigt oder nicht, instrumentalisiert, umgeschmiedet zu einer Waffe gegen „das System“. Erst wenn „das Volk“ mit Hilfe von KenFM die Macht über sich selbst zurückgewinnt, kann die Dekadenz und Korruption gestoppt, kann es wieder aufwärts gehen.

Ein Gemisch aus Gewissheit, Überlegenheit und Wehleidigkeit

Jebsens Habitus ist ein typisches Gemisch aus Gewissheit, Überlegenheit und Wehleidigkeit. Die aufgedrehte Attitüde und die abenteuerlich verdrehten Argumentationsvolten, mit denen Jebsen seine kruden Thesen im Tenor absoluter Gewissheit vorträgt, passen ebenfalls ins Bild. In seiner abstrusen Corona-Tirade – emotional hetzerisch und gleichzeitig im besten Opfer-Wehleids-Ton vorgetragen – schwingt Jebsen allen Ernstes das Grundgesetzt durch die Kamera: Ken Jebsen, der Retter aller an der Gates-Merkel-Drosten-Diktatur leidenden Menschen, der revolutionäre Verteidiger der Grundrechte und des Grundgesetzes (angeblich werden Leute verhaftet, „weil sie das Grundgesetz unter dem Arm tragen“. Da hilft nur noch ein Sturm auf das Parlament! Mehr politische Demagogie (siehe Video „Gates kapert Deutschland) geht kaum!

Opferpose und Opfermythos 

Zum Habitus und zum Ritual eines jeden Beitrags auf KenFM gehört ganz zentral die Pflege des KenFM-Opfermythos. Kritiker des Systems (wie eben Ken Jebsen) werden ignoriert oder „ausgeschaltet“ (vom rbb, von den öffentlich rechtlichen Sendern, von den „Mainstream Medien“). Sind wir nicht alle Opfer des Systems! Und wer steckt nun hinter dieser perfiden Unterdrückung…? Aber halt, da gibt es ein „befreites Dorf“, die Plattform KenFM.

Der Club der verschmähten und geächteten Wahrheitssucher

Kritiker jedweder Art werden eingeladen und bekommen von Jebsen (endlich) eine breite Bühne. Die Liste der Interviewpartner ist lang, gelegentlich sogar prominent besetzt, und alle, wirklich alle Interviewpartner werden von Jebsen in Nebenbemerkungen zu „Opfern des Systems“ ernannt, ja fast geadelt (Er macht das wirklich so, als verleihe er Orden). Kritiken, Ideen und Aussagen dienen Jebsen jedoch allein dazu, das paranoid-dämonische KenFM-Weltbild zu unterfüttern und auszumalen. Auch kluge Köpfe scheinen, geschmeichelt durch die Aufmerksamkeit, die ihnen zu Teil wird, gar nicht zu merken, in was sie sich da einspannen lassen. Jebsen jedenfalls versteht es sehr geschickt, die Seelen der weidwunden „Opfer des Systems“ zu streicheln – so „gefangen“ lassen sich die Interviewten leicht in den Jebsen-Kosmos einordnen.

Auf diese Weise inszeniert sich Ken Jebsen bei KenFM als geschmeidiger Großinquisitor „des Systems“ und Gralshüter unterdrückter Wahrheiten, inmitten einer illustren Runde zu Unrecht verschmähter und geächteter Wahrheitssucher. Ein mutiger Kämpfer gegen ein verlogenes, marodes, dekadentes Gesellschaftssystem. Der Jebsen-Club, so suggeriert die Inszenierung, übt postmoderne Toleranz und will nur das Beste, es geht, wer wollte dagegen etwas einwenden, um Wahrheit, Gerechtigkeit und Mitmenschlichkeit – allein, diese, tief in Ken Jebsen und der Seele „des Volkes“ verankerten Werte werden von den westlichen Demokratien, vom „System“ pervertiert und mit Füssen getreten!

Das kann nicht länger geduldet werden! Und da sehen wir ihn dann im Kaper-Video, den wilde Ken, auf der Krise reitend als wär’s ein wütender Stier beim Rodeo, all die Ängste, Ungewissheiten, Erschütterungen und Verstörungen, die die Zivilisationskrise mit sich bringt, ausnutzend, ein diabolischer Götterbote auf Speed, wie er hinein prescht in die Mitte der virtuellen Gesellschaft (Millionen von Klicks lügen nicht, oder doch?), und weiter auf’s Parlament zu, das Grundgesetzt schwenkend, um endlich, endlich das verhasste System zu stürzen.

Man könnte über all das lächeln, wenn Göbbels es nicht schon mal vorgemacht hätte.

P.S.: Gäbe es die Internetplattform KenFM nicht, sie müsste vom russischen Geheimdienst (GRU/SWR) als Teil hybrider Kriegsführung (Verwirrung, Spaltung,  Desinformation) erfunden werden.  Zur Zersetzungsstrategie russsischer Geheimdienste: https://ostexperte.de/boris-reitschuster-putins-verdeckter-krieg/

Zur Demagogie von Jebsen: Ken Jebsen Kritik auf YouTube

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