Felix Bird schreibt Kleine Lichtungen

Novemberjournal

Einer dieser schwarzen Terrortage / die schüsse verhallen schnell / die splitter der bomben weggefegt / das blut abgespült / vom trottoire / die erregung wird weiterziehen / was bleibt sind die geschundenen seelen / der gott in dessen namen dies geschähe / müsste ein teufel sein. 

Das Attentat auf Charlie Hebdo. Im November erneut Terror in den Straßen von Paris. Felix Bird ist erschrocken. Dieser Blues wird länger dauern. Im Schatten der Postmoderne marschiert die Gegenaufklärung. Nun sucht er nach einer Möglichkeit, aus dem Bann der Ereignisse heraus zu treten. Halt finden im abnehmenden Licht. Schreiben ist immerhin mehr als nichts. Der Versuch, der Vernunft in den Zeiten der Lüge einen Platz einzuräumen. Eine Lichtung, die er ab und zu aufsuchen kann. Die Idee:

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Licht und Schatten in den Blick nehmen /  zwischendurch nachdenken / Beobachten / Ohne Illusionen kleine Lichtungen größer machen.




Melancholie der Aufklärung

Zwischen Fortschrittsenthusiasten und Apokalyptikern spürt Felix Bird, wie so Viele, das Beben der Zivilisation – und er nimmt an, dass es zwischen der besonderen Art des Fortschreitens der Zivilisation und dem Beben, das alles bedroht, einen Zusammenhang gibt. Etwas Grundlegendes stimmt nicht.

Dies ist keine isolierte Krise der Umwelt, des Klimas, der Artenvielfalt, des Sozialen, der Gesundheit, des Ökonomischen, des Politischen oder Spirituellen. In ihrem inneren Zusammenhang weisen die Fakten auf eine tiefer greifende Zivilisationskrise hin. Die Krise einer Zivilisation, die immer und überall durch eine Logik der Steigerung und der Expansion vorangetrieben wir.

Die Krise der Zivilisation offenbart die Janusköpfigkeit der menschlichen Evolution. Zwei Beziehungsmodi: Macht, Kampf, Gewalt, und Grausamkeit einerseits – Liebe, Spiel, Zärtlichkeit und Mitgefühl andererseits. Mit der Zeit lernten die Menschen zwischen den Modi flexibel hin und her zu wechseln, und alles mit allem zu kombinieren und neu zu kontextualisieren. Das Denken der Menschen ist mehrdeutig und biegsam, wunderbar und erschreckend, und es verleiht die Macht, sich für das Gute oder das Böse zu entscheiden. 

Wenn jetzt die dunklen Mächte der Gegenaufklärung marschieren, als wäre da nichts gewesen, wird Felix Bird nicht aufhören zu träumen. Von Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Er glaubt an die Kräfte der Vernunft und die Werte des Humanismus, und solange er denken kann, betrachtet er die Welt als einen Ort, der verbessert werden kann. Aber nun tauchen Zweifel darüber auf, in welche Richtung es geht. Umkehr aller Werte?

Bloggen ist auch keine Lösung – Wenn Schreiben zur Last wird

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Chang Liang

Eine Weile hilft das bloggen, doch das Journal nimmt Felix Bird mehr und mehr in Beschlag. Die Ereignisse überschlagen sich und das Tempo, in dem katastrophale Meldungen einlaufen, nimmt zu. Schreibend versucht er, den wilden Mix aus Fakten, Fakes und Meinungen auf Abstand zu halten. Bislang schien das eine erfolgreiche, vernünftige Strategie zu sein:  Beobachten, Beschreiben, Ordnen, Verstehen, Bewerten, Innehalten, Handeln. Aber im Nachrichten-Sturm  übernehmen die Nachrichten das Kommando.

Felix Bird notiert: Desaströse Nachrichten fallen immer schneller aus taghell ausgeleuchteten Nächten, prasseln aufs Gemüt, lärmen wie dicke Hagelkörner auf Wellblechdächern, durchschlagen Gewissheiten, schwärmen wie aufgescheuchte Wespen durch aufgeheizte Räume, das Wüten der Welt schlägt dich in seinen Bann, das Trommelfeuer der Nachrichten diktiert den Rhythmus deiner Tage, das Grollen und Toben zieht in dich ein, wie tanzende Derwische, die keine Sekunde still halten.

Mediale Präsenz hält die Flut nicht auf, es ist die Flut.

Vorwärtsstürzen

Die Gesellschaften erfasst eine seltsame Stimmung aus andauernder Erregung, Ohnmacht, Empörung, Sensationsgier, Gleichgültigkeit, Unduldsamkeit und hysterischem Aktionismus. Im Strudel aus Fakten, Fakes und Meinungen geht die Vernunft unter, wird ersetzt durch primitive Instinkte. Diese Stimmung und die damit einhergehenden individuellen Gefühle passen zu einer vorwärts stürzenden Welt.

Im Voranstürzen wissen wir nicht mehr / wer sind wir / woher kommen wir/ wohin gehen wir / verzweifeltes Klammern an alles, was Halt verspricht / pochen auf die eigene Identität / dahinter verborgen die Fragen / läßt sich das Stürzen aufhalten? / Kann das Voranstürzen in eine andere Richtung gelenkt werden? / Wie leben im Stürzen?

Koordinatenverschiebung 

Dann kommt der Tag, an dem Amerika seine Geschicke in den Schoß des monströsen Clowns legt. Ein katastrophaler Akt, der die Bruchstellen der freien Welt offenbart. Anfang einer tektonischen Verschiebung mit ungewissem Ausgang. Dramatische Veränderung der Koordinaten für Alles.

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Cindy Sherman

Schockiert notiert Felix Bird: Amerika, geboren aus den Leiden und Träumen Europas, gepeinigt im Bürgerkrieg, war schon immer eine zwiespältige Veranstaltung, hin und her gerissen zwischen Gewalt und Mitgefühl, Freiheitsliebe und Unterdrückung, Ausbeutung und Selbstverwirklichung. Aber jetzt  riskiert Amerika, das gespaltene Land, sein United. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten opfert seine Identität auf dem Altar der Engstirnigkeit, die als blinder Passagier im Bauch der Schiffe mit eingewandert war, zwischen all dem Anderen, den Teeballen und dem Streben nach Freiheit, Gerechtigkeit und Glück.

Rassismus, Sexismus, Sklavenhaltermentalität, Roheit, Gewaltbesessenheit, rücksichtsloses Gewinnstreben – die Dämonen der menschlichen Geschichte feiern in der Wahl des bösen Präsidenten einen bemerkenswerten Triumph. Versinkt  nun das weite Land mit allen seinen Verheißungen und seiner Großartigkeit in einem Morast aus Niedertracht, Zank, Bösartigkeit, billigen Lügen, und feudalem Kapitalismus? Völkische Parolen im Weißen Haus, die Wahrheit eine Hure unter dem Daumen eines twitternden Psychopathen, die Macht in den Händen einer seltsam zusammengewürfelten Bande, bei der man nicht weiß, vor wem man sich mehr fürchten soll – rechtsradikale Desperados, religiöse Fanatiker, gewissenlose Reiche, unbelehrbare Reaktionäre, kriegsgaile Generäle, gierige Finanzwölfe.

Der Sieg im blutigen Bürgerkrieg gegen die Sklaverei setzte die Vereinigten Staaten von Amerika als Ort der Hoffnung auf die Landkarte aller Freiheit suchenden Emigranten. Berthold Brecht, Thomas Mann, Lion Feuchtwanger, und so viele andere. Vielleicht war dieser Ort schon immer eine Illusion, für nicht wenige sogar eine bittere Enttäuschung, verborgen unter dem Kitsch glänzender Versprechungen. Nicht jeder Tellerwäscher wird Millionär, schon gar nicht, wenn du farbig bist und aus der dreckigen Vorstadt kommst! Aber auch eine Illusion gibt Orientierung, und ein Traum, erfasst er die Menschen, kann Mauern durchbrechen und Berge versetzen. Martin Luther King! Woodstock! Löst sich jetzt dieser imaginäre Zufluchtsort auf, verschwindet er einfach vor unseren Augen, als wäre es eine Fata Morgana gewesen. A Man Without a Country – so nannte der große amerikanische Schriftsteller Kurt Vonnegut seinen letzten Roman.

Out of the box 

Lös Dich, dachte Felix Bird. Du kannst nicht wissen, was hinterm Horizont liegt, niemand kann das. In diesem Augenblick spürte er, wie sich sein Geist erhob, frei wie ein Vogel, leicht, wie eine Feder…

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Kleine Lichtungen größer machen, ohne das Ganze aus den Augen zu verlieren.