Felix Bird über Felix Bird und kleine Lichtungen

Novemberjournal

Einer dieser schwarzen Terrortage / die schüsse verhallen schnell / die splitter der bomben weggefegt / das blut abgespült / vom trottoire / die erregung wird weiterziehen / was bleibt sind die geschundenen seelen / der gott in dessen namen dies geschähe / müsste ein teufel sein. 

Im November hält Felix Bird es nicht mehr aus. Dieser Blues wird länger dauern, und er sucht nach einer Möglichkeit, aus dem Bann der Ereignisse heraus zu treten. Vielleicht ist es doch möglich, im abnehmenden Licht Halt zu finden. Schreiben ist immerhin mehr als nichts. Wahrscheinlich geht es einfach nur um den Versuch, der Vernunft in den Zeiten der Gegenaufklärung einen Platz einzuräumen. Eine Lichtung, die er ab und zu aufsuchen kann.

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Licht und Schatten in den Blick nehmen /  zwischendurch nachdenken / Beobachten / Ohne Illusionen kleine Lichtungen größer machen.

 

 

 

Melancholie der Aufklärung

Während sich Fortschrittsenthusiasten und Apokalyptiker ihre Schlachten liefern, spürt Felix Bird, wie so Viele, das Beben der Zivilisation – und er nimmt an, dass es zwischen der besonderen Art des Fortschreitens der Zivilisation und dem Beben, das alles bedroht, einen Zusammenhang gibt.

Etwas Grundlegendes stimmt nicht / nicht gehaltenen Versprechungen enttäuschen zutiefst / Wut und Depression / wecken regressive Sehnsüchte / nach Restauration und totalitärer Herrschaft.

Alle Fakten deuten auf eine tiefgreifende Zivilisationskrise hin. Die Krise offenbart die Janusköpfigkeit der menschlichen Evolution: Macht, Kampf, Gewalt, Dummheit, Lüge und Grausamkeit einerseits – Liebe, Spiel, Zärtlichkeit, Vernunft, Wahrhaftigkeit und Mitgefühl andererseits. Felix Bird glaubt an die Kräfte der Vernunft und die Werte des Humanismus. Solange er denken kann, betrachtet er die Welt als einen Ort, der verbessert werden kann. Wenn jetzt die dunklen Mächte der Gegenaufklärung marschieren, als wäre da nichts gewesen, wird er nicht aufhören zu träumen, von Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität.

Wenn Schreiben zur Last wird

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Chang Liang

Eine Weile hilft das bloggen, doch das Journal nimmt Felix Bird mehr und mehr in Beschlag. Die Ereignisse überschlagen sich und das Tempo, in dem katastrophale Meldungen einlaufen, nimmt zu. Schreibend versucht er, den wilden Mix aus Fakten, Fakes und Meinungen auf Abstand zu halten.  Bislang eine erfolgreiche, vernünftige Strategie:  Beobachten, Beschreiben, Ordnen, Verstehen, Bewerten, Innehalten, Handeln. Aber im Nachrichten-Sturm  übernehmen die Nachrichten das Kommando.

Felix Bird notiert: Desaströse Nachrichten fallen immer schneller aus taghell ausgeleuchteten Nächten, prasseln aufs Gemüt, lärmen wie dicke Hagelkörner auf Wellblechdächern, durchschlagen Gewissheiten, schwärmen wie aufgescheuchte Wespen durch aufgeheizte Räume, das Wüten der Welt schlägt dich in seinen Bann, das Trommelfeuer der Nachrichten diktiert den Rhythmus deiner Tage, das Grollen und Toben zieht in dich ein, wie tanzende Derwische, die keine Sekunde still halten.

Mediale Präsenz hält die Flut nicht auf, es ist die Flut.

Vorwärtsstürzen

Eine seltsame Stimmung aus andauernder Erregung, Ohnmacht, Empörung, Sensationsgier, Gleichgültigkeit, Unduldsamkeit und hysterischem Aktionismus breitet sich aus. Im Strudel aus Fakten, Fakes und Meinungen geht die Vernunft unter, wird ersetzt durch primitive Instinkte. Das passt zu einer vorwärts stürzenden Welt.

Im Voranstürzen wissen wir nicht mehr / wer sind wir / woher kommen wir/ wohin gehen wir / verzweifeltes Klammern an alles, was Halt verspricht / pochen auf die eigene Identität / dahinter verborgen die Fragen / läßt sich das Stürzen aufhalten? / Kann das Voranstürzen in eine andere Richtung gelenkt werden? / Wie leben im Stürzen?

Koordinatenverschiebung

Dann kommt der Tag, an dem Amerika seine Geschicke in den Schoß des monströsen Clowns legt. Ein katastrophaler Akt, der die Bruchstellen der freien Welt offenbart. Anfang einer tektonischen Verschiebung mit ungewissem Ausgang. Dramatische Veränderung der Koordinaten für Alles.

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Cindy Sherman

Schockiert notiert Felix Bird: Amerika, geboren aus den Leiden und Träumen Europas, gepeinigt im Bürgerkrieg, war schon immer eine zwiespältige Veranstaltung, hin und her gerissen zwischen Gewalt und Mitgefühl, Freiheitsliebe und Unterdrückung, Ausbeutung und Selbstverwirklichung. Aber jetzt  riskiert Amerika, das gespaltene Land, sein United. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten opfert seine Identität auf dem Altar der Engstirnigkeit, die als blinder Passagier im Bauch der Schiffe mit eingewandert war, zwischen all dem Anderen, den Teeballen und dem Streben nach Freiheit, Gerechtigkeit und Glück.

Rassismus, Sexismus, Sklavenhaltermentalität, Roheit, Gewaltbesessenheit, rücksichtsloses Gewinnstreben – die Dämonen der menschlichen Geschichte feiern in der Wahl des bösen Präsidenten einen bemerkenswerten Triumph. Versinkt  nun das weite Land mit allen seinen Verheißungen und seiner Großartigkeit in einem Morast aus Niedertracht, Zank, Bösartigkeit, billigen Lügen, und feudalem Kapitalismus? Völkische Parolen im Weißen Haus, die Wahrheit eine Hure unter dem Daumen eines twitternden Psychopathen, die Macht in den Händen einer seltsam zusammengewürfelten Bande, bei der man nicht weiß, vor wem man sich mehr fürchten soll – rechtsradikale Desperados, religiöse Fanatiker, gewissenlose Reiche, unbelehrbare Reaktionäre, kriegsgaile Generäle, gierige Finanzwölfe.

Der Sieg im blutigen Bürgerkrieg gegen die Sklaverei setzte die Vereinigten Staaten von Amerika als Ort der Hoffnung auf die Landkarte aller Freiheit suchenden Emigranten. Berthold Brecht, Thomas Mann, Lion Feuchtwanger, und so viele andere. Vielleicht war dieser Ort schon immer eine Illusion, für nicht wenige sogar eine bittere Enttäuschung, verborgen unter dem Kitsch glänzender Versprechungen. Nicht jeder Tellerwäscher wird Millionär, schon gar nicht, wenn du farbig bist und aus der dreckigen Vorstadt kommst! Aber auch eine Illusion gibt Orientierung, und ein Traum, erfasst er die Menschen, kann Mauern durchbrechen und Berge versetzen. Martin Luther King! Woodstock! Löst sich jetzt dieser imaginäre Zufluchtsort auf, verschwindet er einfach vor unseren Augen, als wäre es eine Fata Morgana gewesen. A Man Without a Country – so nannte der große amerikanische Schriftsteller Kurt Vonnegut seinen letzten Roman.

Out of the box

Lös Dich, dachte Felix Bird, und in diesem Augenblick erhob er sich in die Lüfte, frei wie ein Vogel, und während er dem Horizont entgegen flog konnte er wieder sehen, was alles gut war.

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Kleine Lichtungen größer machen, ohne das Ganze aus den Augen zu verlieren.