Felix Bird – Experiment November Journal, ein Selbstversuch

November 2015 

Im November 2015 beginnt Felix Bird dieses Journal. Ein November Journal zu schreiben scheint ihm immerhin mehr zu sein als nichts. Ein Versuch, der Vernunft in den Zeiten der Gegenaufklärung einen Platz einzuräumen. Später tauft er den Blog Kleine Lichtungen, um dem abnehmenden Licht etwas entgegenzusetzen.

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Licht und Schatten in den Blick nehmen. Zwischendurch nachdenken. Beobachten, wie Licht Schatten wirft. Ohne Illusionen kleine Lichtungen größer machen. Ohne Überheblichkeit. Ohne Zeigefinger. Das ist die Idee. 

Schon länger beobachtet Felix Bird die tiefer werdenden Schatten, die eine entfesselte Gegenwart auf die Zukunft wirft. Dennoch sind es, in der subjektiven Wahrnehmung, einzelne Ereignisse, die Wendepunkte markieren. Irgendwann reicht es dir. Die Welt, so kommt es ihm vor, spielte verrückt. Im Januar der Massenmord an den Zeichnern von Charly Hebdo, im November die Terroranschläge auf das Leben, in den Straßen, auf den Plätzen von Paris. Gewalt und Grausamkeit, lange europäische Exportartikel, kehren ins Herz Europas zurück. Kein Ort sicher und alles aus dem Gleichgewicht – menschliche Beziehungen, politische Ordnungen, Klima, Artenvielfalt, Medien, Technik, Verteilung von Ressourcen.

Die Kultur der grenzenlosen Expansion – ein entfesselter Kapitalismus als höchste Ausdrucksform – schickt sich an, in finalen Zuckungen die menschliche Zivilisation, wie wir sie kennen, in den Abgrund zu ziehen. Gewalt und Zerstörungswut, in all ihren Varianten und verrückten Schattierungen, eskalieren, und die Demokratien zerlegen sich selbst. Erschrecken. Regression. Melancholie. Nennen wir es die Melancholie der Aufklärung – Wir sehen, wir zerstören die Grundlagen des Zusammenlebens, wir wissen, dass wir es tun, und bleiben letztlich ratlos.

  Felix Bird fällt es schwer, die veränderte Situation zu begreifen (das müsste er aber tun, um Herausforderung anzunehmen). Hineingeboren in den Luxus zunehmenden Wohlstands und zunehmender Freiheit lebt er, solange er denken kann, in der Gewohnheit, die Welt, bei allem Auf und Ab, als einen verbesserungswürdigen Ort anzusehen. Es geht um  Räume gemeinsam geteilter, gemeinsam zu teilender Möglichkeiten. Auch daran hat er sich gewöhnt, nämlich zu glauben, das sei ein mehrheitsfähiges Konzept. Als Kind der Befreiung macht er sich keinerlei Illusionen, aber er trägt die Überzeugung im Herzen, das Gute kann siegen. Mal geht es bergauf mal bergab, aufmerksam beobachtet er die Schatten, aber immer begleitet ihn das Gefühl, am Ende des Tunnels ist Licht – nur so kann er träumen.

Ein Traum ohne Wirklichkeit ist ebenso bedeutungslos wie reine Wirklichkeit ohne Traum.
(Max Reinhard)

Felix Bird weiß, die Versuche, die großen utopischen Erzählungen totalitär zu realisieren, endeten in den Katastrophen des 20ten Jahrhunderts, er weiß, wie gefährlich Utopien und Illusionen sein können, doch eine Welt ohne Träume und Sehnsüchte – nach mehr Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität – ist für ihn schwer vorstellbar. Eine solche Vorstellung bringt ihn aus dem Gleichgewicht, und die Räume zwischen seinem kindlichen  Optimismus und seinem realistischen Pessimismus werden enger. Aus Erfahrung weiß Felix Bird, blinder Aktionismus hilft wenig, aber genau so wenig  möchte er dem Rat des Laotse folgen, sich gelassen aus allen Wirrsalen der Welt herauszuhalten, um sie ihrem Gang zu überlassen.

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Chang Liang

Das Schreiben hilft Felix Bird eine Weile, mit dem Dilemma umzugehen, doch das Journal nimmt ihn mehr und mehr in Beschlag. Die Ereignisse überschlagen sich und das Tempo, in dem katastrophale Meldungen einlaufen, nimmt zu. Schreibend versucht er den wilden Mix aus Fakten, Fakes und Meinungen auf Distanz halten. Eine bislang erfolgreiche, vernünftige Strategie:  Beobachten, Beschreiben, Ordnen, Verstehen, Bewerten. Aber im Ergebnis übernimmt der Nachrichten-Sturm das Kommando.

Er notiert: Desaströse Nachrichten fallen immer schneller aus taghell ausgeleuchteten Nächten, prasseln auf die Gemüter, lärmen wie dicke Hagelkörner auf Wellblechdächern, durchschlagen Gewissheiten, schwärmen wie aufgescheuchte Wespen durch aufgeheizte Räume. Das Wüten der Welt schlägt dich in seinen Bann. Das Trommelfeuer der Nachrichten beginnt den Rhythmus deiner Tage zu diktierten, das Grollen und Toben zieht in dich ein, wie tanzende Derwische, die keine Sekunde still halten.

Felix Bird gerät unter Druck, er zappelt herum und verliert Ruhe und Leichtigkeit. Mit etwas Abstand erkennt er an sich die Symptome einer Zeitkrankheit. Mediale Präsenz und schnelles Kommentieren hält die Flut nicht auf, es ist die Flut.

Im Auge der Turbulenz wird deutlich: Eine seltsame Mischung aus andauernder Erregung, Ohnmacht, Empörung, Sensationsgier, Gleichgültigkeit, Unduldsamkeit und hysterischem Aktionismus erfüllt zunehmend den öffentlichen Raum. Die sozialen und die virtuellen Räume sind voll davon. Im Strudel aus Fakten, Fakes und Meinungen geht die Vernunft unter, wird ersetzt durch primitive Instinkte.

Das passt zu einer vorwärts stürzenden Welt. Im Voranstürzen wissen wir nicht mehr, wer wir sind, woher wir kommen, oder wohin wir wollen. Verzweifelt klammern sich die Menschen an alles, was Identität, Halt und Hoffnung verspricht. Darunter die Fragen. Läßt sich das Stürzen aufhalten? Kann das Voranstürzen in eine andere Richtung gelenkt werden? Müssen wir lernen, im Stürzen zu leben?

November 2016 

Dann kommt der Tag, an dem Amerika seine Geschicke in den Schoß eines monströsen Clowns legt. Für Felix Bird ein katastrophaler Akt, der die Bruchstellen der modernen Welt symbolisch offenbart. Der Anfang einer tektonischen Verschiebung mit ungewissem Ausgang.  Eine dramatischen Veränderung der Koordinaten für Alles.

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Cindy Sherman

Er notiert: Amerika, geboren aus den Leiden und Träumen Europas, war schon immer eine zwiespältige Veranstaltung,  hin und her gerissen zwischen Gewalt und Mitgefühl, Freiheitsliebe und Unterdrückung, Ausbeutung und Selbstverwirklichung. Aber jetzt  zerreißt Amerika, das gespaltene Land, seine Einheit. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten opfert seine Identität auf dem Altar der Engstirnigkeit, die als blinder Passagier im Bauch der Schiffe mit eingewandert war, zwischen all dem Anderen, den Teeballen und dem Streben nach Freiheit, Gerechtigkeit und Glück. Das weite Land mit allen seinen Verheißungen und seiner Großartigkeit versinkt in einem Morast aus Kleingeisterei und billigen Lügen. Völkische Parolen im Weißen Haus, die Wahrheit eine Hure unter dem Daumen eines twitternden Psychopathen. Die Macht in den Händen einer seltsam zusammengewürfelten Bande, bei der man nicht weiß, vor wem man sich mehr fürchten soll – rechtsradikale Desperados, religiöse Fanatiker, gewissenlose Reiche, unbelehrbare Reaktionäre, kriegsgaile Generäle, gierige Finanzwölfe.

Der Sieg im blutigen Bürgerkrieg gegen die Sklaverei setze die Vereinigten Staaten von Amerika als Ort der Hoffnung auf die Landkarte aller Freiheitssuchenden. Vielleicht war dieser Ort schon immer eine Illusion gewesen, für nicht wenige sogar eine bittere Illusion, verborgen unter den Masken glänzender Versprechungen, aber immerhin, eine Illusion gibt Orientierung, und ein Traum, erfasst er die Menschen,  kann Mauern durchbrechen und Berge versetzen. Martin Luther King! Woodstock! Löste sich jetzt dieser imaginäre Zufluchtsort auf? War es möglich, dass er einfach verschwand, vor seinen Augen, als wäre es eine Fata Morgana gewesen.

 November 2017

Sein kleines Leben geht weiter wie bisher, gleichzeitig spürt Felix Bird, wie gemeinschaftliche Strukturen zerfallen. Elektronische Medien zersetzen soziale  Bindungen, Demokratien zerlegen sich selbst, und totalitäre Regime avancieren zu attraktiven Modellen. Ein seltsames

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Lebensgefühl ist das. Gespalten zwischen ist doch alles gut und es wird böse enden. Felix Bird genießt weiterhin die kleinen Freuden des Lebens und die großen Errungenschaften der Zivilisation, gleichzeitig sieht Felix Bird am Horizont die Schatten  heraufziehen. Die Koordinaten des Zusammenlebens verschieben sich gerade dramatisch, und niemand weiß wohin das führt. Dieses Lebensgefühl teilt Felix Bird wahrscheinlich mit Vielen, doch die Reaktionen und Umgangsweisen könnten unterschiedlicher kaum sein.

Vor allem fehlt es an Kategorien, um angemessen darüber zu sprechen. Vielleicht ist es das, was Felix Bird am meisten bedrückt und beunruhigt.

In der Regel greifen Menschen in Krisenzeiten auf einfache Lösungen zurück, Vorstellungen, Verhaltensweisen oder Lösungsstrategien, die sie kennen. Das verstärkt in der Regel, wenn es sich um neuartige und komplexe Probleme handelt, die Probleme. Wenn es wahr ist, und vieles spricht dafür, dass wir es gegenwärtig nicht mit einer der üblichen Krisen zu tun haben, sondern dass sich die vielen Krisen zu einer viel größeren Krise, einer Zivilisationskrise ungeahnten Ausmaßes summieren und verdichten – dann helfen die bekannten Lösungsstrategien nicht weiter. Wir können die Lösungen nicht kennen, sie liegen jenseits der bekannten Schemata und Kategorien hinterm Horizont.

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