Felix Bird

November Journal 

Im November hielt es Felix Bird nicht mehr aus. Paris, im Januar der Massenmord an den Zeichnern von Charly Hebdo, im November die feigen Anschläge auf das Leben, in den Straßen, den Bars, den Hallen. Er begann, dieses Journal zu schreiben, ein November Journal, wohl wissend, dieser Blues würde länger dauern. Aber zu bloggen, das schien ihm immerhin mehr als nichts. Felix Bird suchte nach einer Möglichkeit,  aus dem Bann der Ereignisse heraus zu treten, vielleicht war es doch möglich, im abnehmenden Licht eine Position zu finden. Wahrscheinlich ging es einfach um den Versuch, der Vernunft in den Zeiten der Gegenaufklärung einen Platz einzuräumen. Eine Lichtung, die er ab und zu aufsuchen konnte.

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Licht und Schatten in den Blick nehmen. Zwischendurch nachdenken. Beobachten, wie Licht Schatten wirft. Ohne Illusionen kleine Lichtungen größer machen.

Das war die Idee.

Melancholie der Aufklärung

Schon länger beobachtete Felix Bird die tiefer werdenden Schatten, die eine entfesselte Gegenwart auf die Zukunft warf. Aber er behielt bei all dem seinen pragmatischen Optimismus, weil er weiter an die Kraft der Vernunft glaubte. Jetzt beobachtete Felix Bird fassungslos, wie der homo sapiens die Grundlagen der Zivilisation zerstörte, obwohl die Menschen wußten, oder zumindest ahnten, was da vor sich ging.

Während Fortschrittsenthusiasten und Apokalyptiker sich ihre Schlachten lieferten, spürte Felix Bird wie so Viele das Beben der Zivilisation, und er nahm an, dass es zwischen der besonderen Art des Fortschreitens und dem Beben, das alles bedrohte, einen Zusammenhang gab.

Natürlich fanden sich eine Menge Daten und Fakten, mit dem sich der historische Fortschritt der Menschheit belegen ließ, die Lebenserwartung stieg, der schiere Hunger und die absolute Armut nahmen global gesehen ab, selbst Krieg und Gewalt wurden seltener (Pinter, Harari). Felix Bird war nicht blind für diesen Fortschritt, er war weder ein notorischer Pessimist, noch ein Apologet der Apokalypse.

Aber seit geraumer Zeit beobachtete er zahlreiche kleine und große Symptome, die er, in der Summe und im Zusammenhang, als Zeichen einer tief gehenden Zivilisationskrise deutete: Die eskalierenden Ungleichheit in der Verteilung von Gütern, Ressourcen und Mitteln (zwischen Nord und Süd, alten Industrienationen und aufstrebenden Entwicklungsländern, der großen Masse und den Besitzenden in allen Ländern der Erde), das Vabanquespiel mit der Umwelt und die Destabilisierung ökologischer Gleichgewichte, die Ermächtigung des Menschen zu einem göttergleichen Homo Deus (Harari, 2017), ausgelöst durch die enormen Fortschritte in den Naturwissenschaften (bei gleichzeitigem Stillstand in den Gesellschaftswissenschaften). Die schleichende Ökonomiesierung verbunden mit disruptiven Digitalisierung aller Lebensbereiche führte zur beschleunigten Fragmentierung von Lebenswelten und zur emotionalen Entleerung des Daseins, die Menschen spürten, wie die Maschinen, die sie selbst erfanden, ihre Lebenswirklichkeiten besetzten, wie die Technik, die ihrer eigenen Phantasie entsprang, in sie eindrang und in Gehäuse aus Zahlen einsperrte (Steffen Mau: Das metrische Wir), und all das weckte die regressiven Sehnsüchte nach Restauration und totalitärer Herrschaft.

Die Zivilisation der grenzenlosen Expansion schickte sich an, sich selbst zu zerstören. Gewiss, darin könnte die Chance eines radikalen Neubeginns, einer neuen und ganz anderen Erzählung liegen. Doch vor dieser Chance, so jedenfalls sah es Felix Bird, lag die offenbare Bereitschaft, sich naiv, besinnungslos oder absichtlich in die Abgründe zu stürzen, die die Menschheit selbst hervorbrachte. Das konnte Felix Bird, dessen Fühlen und Denken tief im Glauben an die Kraft und Schönheit der Vernunft wurzelte, nicht fassen. Suche nach Wahrheit? Bemühen um Wahrhaftigkeit? Die Menge glaubte lieber an alternative Fakten, oder es war ihr einfach egal. Neben uns oder nach uns die Sintflut? So, what! Am liebsten wäre er aufgestanden und hätte laut geschrien „das hat Kant nicht gewollt“ – aber er sah ein, das wäre nur lächerlich.

Felix Bird wurde schmerzlich bewußt, wie stark sein pragmatischer Optimismus, seine Hoffnungen, das was ihn durchs Leben trug, an den Glauben in die Kraft der Vernunft und des Humanismus gekoppelt war. Die Kräfte der Vernunft, des Humanismus und der historischen Gerechtigkeit hatten den Faschismus und den Stalinismus besiegt. Doch nun dehnte sich die dunkle Seite der Macht wieder aus, die Gespenster der Vergangenheit stiegen wie giftiger Nebel aus den Untergründen, die Demokratien zerlegten sich selbst, und die Gegenaufklärung marschierte, als wäre da nichts gewesen. Seine Hoffnung in die Kraft der Vernunft schwand, und das bereitete ihm Schmerzen, denn diese Hoffnung war seine Heimat.

Hineingeboren in zunehmenden Wohlstand und zunehmende Freiheiten lebte Felix Bird, solange er denken konnte, in der Gewohnheit, die Welt als einen Ort zu sehen, der  verbessert werden kann. Als Kind der Befreiung machte er sich keinerlei Illusionen über Macht, Gewalt und Grausamkeit, aber immer sah er Licht am Ende des Tunnels. Er kannte die Katastrophen des 20ten Jahrhunderts und er wußte, wie gefährlich Utopien sein können, wenn Menschen versuchen, sie zu realisieren, doch eine Welt ohne Träume von Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität konnte er sich schwer vorstellen.

Wenn Schreiben zur Last wird

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Chang Liang

 

Eine Weile half das bloggen, doch das Journal nahm Felix Bird mehr und mehr in Beschlag. Die Ereignisse überschlugen sich und das Tempo, in dem katastrophale Meldungen einliefen, nahm zu. Schreibend versuchte er den wilden Mix aus Fakten, Fakes und Meinungen auf Distanz zu halten.  Bislang war das eine erfolgreiche, vernünftige Strategie gewesen:  Beobachten, Beschreiben, Ordnen, Verstehen, Bewerten, Innehalten, Handeln. Aber im Ergebnis übernahm der Nachrichten-Sturm das Kommando.

Er notierte: Desaströse Nachrichten fallen immer schneller aus taghell ausgeleuchteten Nächten, prasseln auf die Gemüter, lärmen wie dicke Hagelkörner auf Wellblechdächern, durchschlagen Gewissheiten, schwärmen wie aufgescheuchte Wespen durch aufgeheizte Räume. Das Wüten der Welt schlägt dich in seinen Bann. Das Trommelfeuer der Nachrichten beginnt den Rhythmus deiner Tage zu diktierten, das Grollen und Toben zieht in dich ein, wie tanzende Derwische, die keine Sekunde still halten.

Felix Bird geriet unter Druck, er zappelte herum, verlor seine Ruhe und Leichtigkeit. Mit etwas Abstand erkannte er an sich die Symptome einer Zeitkrankheit. Er wurde nicht unabhängiger von den Medien, im Gegenteil, seine Medienabhängigkeit nahm zu.  Mediale Präsenz und schnelles Kommentieren hält die Flut nicht auf, es ist die Flut.

Vorwärtsstürzen

Eine seltsame Mischung aus andauernder Erregung, Ohnmacht, Empörung, Sensationsgier, Gleichgültigkeit, Unduldsamkeit und hysterischem Aktionismus erfüllt zunehmend die sozialen und virtuellen Räume. Im Strudel aus Fakten, Fakes und Meinungen geht die Vernunft unter, wird ersetzt durch primitive Instinkte.

Das passt zu einer vorwärts stürzenden Welt. Im Voranstürzen wissen wir nicht mehr, wer wir sind, woher wir kommen, oder wohin wir wollen. Verzweifelt klammern sich die Menschen an alles, was Halt und Hoffnung, was Identitätsempfinden verspricht. Pochen auf die eigene Identität. Dahinter verborgen die Fragen. Läßt sich das Stürzen aufhalten? Kann das Voranstürzen in eine andere Richtung gelenkt werden? Müssen wir lernen, im Stürzen zu leben?

Die Koordinaten verändern sich

Dann kam der Tag, an dem Amerika seine Geschicke in den Schoß eines monströsen Clowns legte. Ein katastrophaler Akt, der die Bruchstellen der modernen Welt symbolisch offenbarte. Der Anfang einer tektonischen Verschiebung mit ungewissem Ausgang. Eine dramatischen Veränderung der Koordinaten für Alles.

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Cindy Sherman

Er notierte: Amerika, geboren aus den Leiden und Träumen Europas, war schon immer eine zwiespältige Veranstaltung, hin und her gerissen zwischen Gewalt und Mitgefühl, Freiheitsliebe und Unterdrückung, Ausbeutung und Selbstverwirklichung. Aber jetzt  zerreißt Amerika, das gespaltene Land, seine Einheit. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten opfert seine Identität auf dem Altar der Engstirnigkeit, die als blinder Passagier im Bauch der Schiffe mit eingewandert war, zwischen all dem Anderen, den Teeballen und dem Streben nach Freiheit, Gerechtigkeit und Glück. Das weite Land mit allen seinen Verheißungen und seiner Großartigkeit versinkt in einem Morast aus Kleingeisterei, Zank und billigen Lügen. Völkische Parolen im Weißen Haus, die Wahrheit eine Hure unter dem Daumen eines twitternden Psychopathen. Die Macht in den Händen einer seltsam zusammengewürfelten Bande, bei der man nicht weiß, vor wem man sich mehr fürchten soll – rechtsradikale Desperados, religiöse Fanatiker, gewissenlose Reiche, unbelehrbare Reaktionäre, kriegsgaile Generäle, gierige Finanzwölfe.

Der Sieg im blutigen Bürgerkrieg gegen die Sklaverei setzte die Vereinigten Staaten von Amerika als Ort der Hoffnung auf die Landkarte aller Freiheitssuchenden. Vielleicht war dieser Ort schon immer eine Illusion gewesen, für nicht wenige sogar eine bittere Enttäuschung, verborgen unter dem Tüll glänzender Versprechungen, nicht jeder Tellerwäscher wird Millionär, schon gar nicht, wenn du farbig bist – aber auch eine Illusion gibt Orientierung, und ein Traum, erfasst er die Menschen, kann Mauern durchbrechen und Berge versetzen. Martin Luther King! Woodstock! Löst sich jetzt dieser imaginäre Zufluchtsort auf? Ist es möglich, dass er einfach verschwindet, vor unseren Augen, als wäre es eine Fata Morgana gewesen.

Seltsames Lebensgefühl

Sein kleines Leben geht weiter wie bisher, gleichzeitig spürt Felix Bird, wie gemeinschaftliche Strukturen zerfallen. Elektronische Medien zersetzen soziale  Bindungen, Demokratien zerlegen sich selbst oder werden wie Tiger zu Tode geritten, und autoritäre, totalitäre Regime avancieren zu attraktiven Modellen. Ein seltsamesIMG_3659

Lebensgefühl ist das. Gespalten zwischen ist doch alles gut und es wird böse enden. Felix Bird genießt weiterhin die kleinen Freuden des Lebens und die großen Errungenschaften der Zivilisation, die jetzt eine Heimat in Deutschland haben. (Nebenbei gesagt, das ist ein echter Treppenwitz, eine schöne Ironie der Geschichte: Ein Freund meint dazu: wenn die Faschisten gewußt hätten, was am Ende dabei herauskommt, hätten sie vielleicht gar nicht die Macht ergriffen). Gleichzeitig sieht Felix Bird am Horizont die Schatten heraufziehen. Die Koordinaten des Zusammenlebens verschieben sich gerade dramatisch, und niemand weiß wohin das führt. Dieses Lebensgefühl teilt Felix Bird wahrscheinlich mit Vielen, doch die Reaktionen und Umgangsweisen sind unterschiedlich, und es fehlen gemeinsam geteilte Kategorien, um angemessen darüber zu sprechen. Vielleicht ist es das, was Felix Bird am meisten beunruhigt.

Hinterm Horizont

In der Regel greifen Menschen in Krisenzeiten auf einfache Lösungen zurück, Vorstellungen, Verhaltensweisen oder Lösungsstrategien, die sie kennen. Wenn es aber wahr ist, und vieles spricht dafür, dass wir es gegenwärtig nicht mit einer der üblichen Krisen zu tun haben, sondern dass sich die vielen Krisen zu einer viel größeren Krise, einer Zivilisationskrise ungeahnten Ausmaßes, summieren und verdichten – dann helfen die bekannten Lösungsstrategien nicht weiter. Die Lösungen liegen out of the box hinterm Horizont. 

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Felix Bird jedenfalls ist ab 2017 bis auf Weiteres sehr oft offline.