Einfache Lösungen für komplexe Probleme verschlimmern die Situation

Nach Köln kippt die Stimmung.  Schon vorher wurden viele private und öffentliche Auseinandersetzung über die Frage, wie wir mit flüchtenden Menschen umgehen,  auf der Grundlage von Empfindungen geführt. „Jeden aufnehmen“, oder „Grenzen dicht machen“, je nach Stimmungslage (Angst oder Empörung, Mitgefühl oder Abgrenzung).

Spätestens jetzt zeigt sich, dass gute Politik zwar auf die Stimmungen der Menschen, die sie hin und her wogen lässt, achten muss, keineswegs aber aus diesen Stimmungen erwachsen, sie nur ausdrücken oder nutzen darf. Gute Politik erwächst aus Übersicht, komplexen Überlegungen und Verantwortung für das Ganze. Sie erwächst aus der Kraft, sich Stimmungslagen zu widersetzen, und der Fähigkeit, sich nicht treiben zu lassen von Umfrageergebnissen, von „likes“ oder „tweets“ , die allein den aktuellen Stand im Auf und Ab der Stimmungslagen widerspiegeln.

 Dies gilt insbesondere in unübersichtlichen Situationen mit einem hohen Grad von Komplexität. In solchen Zeiten werden viele Menschen, vom „einfachen Volk“ bis hin zu  Intellektuellen und Künstlern, anfällig für einfache Antworten auf komplexe Fragestellungen. Sie folgen ihren spontanen Empfindungen und greifen zurück auf liebgewonnene Denkschablonen – Vereinfachungen, die Menschen kurzfristig emotional in Sicherheit wiegen und zukünftige Sicherheit versprechen. Sicherheiten, die es angesichts der Lage nicht geben kann.

Die Lage

 Schon lange wissen wir, dass die Globalisierung, vorangetrieben von einer neoliberalen Ideologie, nicht nur zu Fortschritten führt. Sie offenbart und vertieft sowohl innerhalb einzelner Länder als auch zwischen den Ländern und Kontinenten enorme Widersprüche, Ungleichgewichte und Ungleichzeitigkeiten. Der Lebensstil der einen wird zur Fluchtursache der anderen. Wenn europäische Fischkutterflotten sich die Freiheit nehmen, afrikanische Küsten leer zu fischen, dann nehmen Menschen aus afrikanischen Ländern sich die Freiheit, alle Grenzen zu überwinden – auf der Suche nach einer Perspektive fürs Leben, the pursuit of happiness gilt für alle Menschen.

 Auch die Frustration und Wut einer von der Entwicklung abgehängten, sich vom Westen gedemütigt fühlenden islamischen Welt ist nicht neu. Aus dem selbstgemachten Dunkel aus Despotie und Nepotismus, begünstigt und angestachelt durch die Ignoranz und Arroganz westlicher Mächte, bricht sie nun hervor in Gestalt eines brutalen und grausamen Terrorismus, der alle Grenzen sprengt und alle Andersgläubigen das Fürchten lehrt – vor allem und zuerst in den eigenen Reihen, dann überall auf der Welt.

 Wir leben, nicht erst seit Gestern, an der Peripherie eines großen Krieges, in dem sich zwei islamische Konfessionen, Sunniten und Schiiten – angeführt durch ihre fundamentalistsich beherrschten Machtzentren im Iran und Saudi Arabien – unversöhnlich belauern und bekriegen. So groß die Demütigung und der Eifer, so unerbittlich und ohne Gnade wird der Krieg geführt. Erst gegeneinander, dann gegen den Rest der Welt. Davor flüchten die Menschen.

 Die Europäische Union, der gemeinsame Markt und die europäische Wertegemeinschaft, stehen vor einer Zerreißprobe. Diese Entwicklung war angelegt und vorhersehbar, wurde aber lange Zeit gerne verdrängt. Durch Erfolge verwöhnt und Wunschdenken (wohl auch Gier) verblendet, dehnten die Protagonisten die Gemeinschaft schnell und weit aus. Dabei wurde zu wenig auf Stabilität und Kohäsion, auf „Kern“, geachtet, und es unterliefen fundamentale Fehler in der Konstruktion der Gemeinschaft. Im Ergebnis wankt und schwankt das europäische Haus in den innenpolitischen und außenpolitischen Stürmen bedenklich. Die europäische Gemeinschaft – ein Sehnsuchtsort nicht zuletzt deshalb, weil er aus schrecklichen heißen und kalten Kriegen erwuchs – könnte in den Stürmen zerbrechen. Wohin dann flüchten?

 Wer möchte in einer solchen Situation Politiker oder Ratgeber sein? Wir sollten denen vertrauen, die die Unsicherheiten und Ungewissheiten offen ansprechen. Denjenigen, die geduldig nach mehrdimensionalen, differenzierten und intelligenten Lösungen für komplexe Ausgangslagen und Anforderungen suchen. Die dem Sog nach einfachen Schuldzuweisungen und Antworten widerstehen und trotzdem handeln. Alles Andere ist töricht, naiv oder Populismus.

 

 

Über Felix Bird

Mehr über den Autor oben auf der Website: Felix Bird – Experiment November Journal, ein Selbstversuch
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